Karl August Horst: Zero. Roman (Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M., 560 S., Leinen 16,80 DM).

Dies ist der erste Roman eines jungen, schon namhaften Essayisten, der sich in der Weltliteratur dieser Jahrzehnte gründlich umgesehen hat und die provinzielle Abgeschlossenheit des deutschen Nachkriegsromans überwinden möchte. Die Weitläufigkeit und haarscharfe Dialektik Huxleys, die Präzision und Vieldeutigkeit Kafkas, der symbolische Realismus der „Pest“ von Albert Camus – das sind Züge, die in den Entwicklungsroman des Athener Kaufmannssohnes Dmitri Papadakis eingewoben sind. Sie geben der äußerlich reich bewegten Handlung, die sich auf der von Bandenkrieg durchsetzten Insel Kreta abspielt, einen Schimmer von Überwirklichkeit, der nur bei genauem Durchdenken zu einem plastischen Gefüge wird. So sind zwar die Ansprüche an einen spannenden Roman dem Programm nach durchaus erfüllt, indessen ist dem Leser das Geradehinlesen durch die Fülle von Bedeutungssphären auch wieder verwehrt. Denn dieses Kreta mit seiner landschaftlichen Deutlichkeit und seinen insularen, nur hier denkbaren Menschen ist doch zugleich ein Utopia, ein ortloses Land im Nullpunkt der Zeiten. Die Epoche der festen Werte, bezeichnet durch Dmitris Vater Makarios, ist unwiederbringlich abgeschlossen, die noch ungeborene Zeit kündet sich durch Krämpfe und Wehen an. Ihr Seher ist die prägnanteste Gestalt dies Buches: der als Geheimagent in aller Welt umhergetriebene Italiener, der wie ein orthodoxer Wandermönch aussieht und den Nihilismus der Weltsituation radikal durchschaut. „Wenn die Zeiger auf Null deuten, kann alles geschehen. Und was hervortritt, hat keinen Namen. Du mußt ihm den Namen geben.“

Es ist eine vielleicht nicht ganz ungewollte Ironie, daß dieser Ahasver des zwanzigsten Jahrhunderts mehr Plastizität gewinnt als der eigentliche Held des Romans, auf dem die stürmischen Ereignisse wie auf einem unbeschriebenen Blatt ihre Zeichen eintragen, der aber doch am Ende sich selbst nicht zu lesen versteht und dessen Weisheit unfruchtbar bleiben muß, obwohl er davon spricht, daß „die Verluste dieser Wochen sein schönster Gewinn sind“. Er ist vom Jüngling nicht zum Mann, sondern sogleich zum Greis geworden, und eben darin liegt wohl nach dem Willen des Autors ein Symbol unserer Zeitwende. Denn, wie der männlichste Mann des Buches am Schluß sagt, „das Greisenalter der Menschheit hat, scheint’s, begonnen“.

Ingeborg Hartmann