Von Egon Friedel!

In dem Nachlaß Friedells hat sich noch ein Werk „Kulturgeschichte Ägyptens und des vorderen Orients“ gefunden, das der Verlag C. H. Beck, München, in Kürze herausbringt.

Es gibt dreierlei Formen, unter denen sich eine Metamorphose der Individuen und Rassen vollziehen kann: Abänderung durch Umwelt, Abänderung durch Kreuzung, durch Selbstveränderung; letzteres ist der sehr merkwürdige Vorgang der spontanen, sprunghaften, explosiven Entstehung neuer Merkmale. Manche Forscher nehmen an, daß eine Modifikation der Erbmasse nur durch Kreuzung stattfindet; es könnten demnach neue Eigenschaften nur durch eine Mischung schon vorhandener Erbeinheiten entstehen: dies würde aber die ganze Menschheitsgeschichte zum Rang eines geistlosen Kaleidoskops und mechanischen Permutationsspiels herabwürdigen; auch bleibt bei dieser Annahme völlig ungeklärt, wie denn seinerzeit die heute vorhandenen Menschenrassen zustande gekommen sind, denn durch bloße Kreuzungen könnten sich nur neue Bastarde bilden, aber niemals neue Rassen.

Es war Lamarck, einer der bedeutendsten Vorgänger Darwins, der zuerst auf die Tatsache der Veränderung durch innere, im Organismus selbsttätige Ursachen aufmerksam machte. Er verweist darauf, daß man zwar schon seit langem den Einfluß unserer Organisationen auf unseren Charakter, unsere Neigungen, unsere Handlungen und sogar auf unsere Begriffe beobachtet habe, aber noch niemals den Einfluß unserer Gewohnheiten auf unsere Organisation; und er gelangt zu folgenden drei Grundgesetzen: jede dauernde Veränderung in den Verhältnissen bewirkt eine Veränderung in den Bedürfnissen; jede Veränderung in den Bedürfnissen macht andere Tätigkeiten notwendig, um diese Bedürfnisse zu befriedigen, und folglich andere Gewohnheiten; jede neue Gewohnheit erfordert entweder den stärkeren Gebrauch eines schon vorhandenen Organs, wodurch dieses vergrößert und entwickelt wird, oder die Bildung eines neuen Organs, das die Bedürfnisse unmerklich durch „Anstrengung eines inneren Gefühls“ entstehen lassen.

Ein weiteres Gesetz lautet: alles, was die Individuen durch Gebrauch oder Nichtgebrauch eines Organs erwerben oder verlieren, wird durch die Fortpflanzung auf die Nachkommen vererbt. Diese Gesetze, die sich der „Neolamarckismus“ zu eigen gemacht hat, werden von nicht wenigen Biologen in Zweifel gezogen, insbesondere das zuletzt genannte, in dem darauf verwiesen wird, daß sich dessen Wirksamkeit nicht einwandfrei experimentell nachweisen lasse. Indes genügt bereits eine einfache logische Erwägung, um seine notwendige Geltung zu fordern, und außerdem lassen sich derartige Erscheinungen nicht unter künstlichen Versuchsbedingungen, sozusagen in der Retorte erzeugen: von solchen Homunkulusspielereien Einblicke in die Offizin der Natur, zu erwarten, ist eine gelehrte Naivität. Dazu kommt noch, daß Lamarck ausdrücklich von „unmerklichen“ Veränderungen spricht und also mit sehr großen Zeiträumen rechnet.

Daß die Umwelt die Organismen zu modifizieren vermag, läßt sich in der freien Natur sehr wohl beobachten. Hellfarbige Tiere werden unter dem Einfluß hoher Temperaturen immer dunkler, schließlich pechschwarz, in arktischen Gebieten hingegen weiß. Ja, man hat sogar beobachtet, daß Zugvögel, die immer wieder dieselben Gegenden besuchen, eine besondere Art von Gesang ausbilden, einen vom Ort erzeugten Dialekt. Die Levantiner sind Franzosen und Italiener, die lange Zeit im Osten des Mittelmeergebiets gelebt, aber immer nur untereinander geheiratet haben; das Ergebnis ist ein Menschenschlag prononciert orientalischen Charakters: dunkel und, nach den Aussagen der Ethnologen, von „armenischem“ Typus. Unter die Umwelteinflüsse, die auf das Keimplasma zu wirken vermögen, muß auch die höchst sonderbare, aber ganz unleugbare Tatsache der Fernzeugung gerechnet werden: das allbekannte „Sichversehen“ und die nicht selten beobachtete Erscheinung, daß der Erzeuger des ersten Kindes einer Frau alle späteren Geburten zu beeinflussen vermag.

Hier berühren wir schon das Gebiet der geistigen Umwelt und ihrer verwandelnden Kräfte. An der Spitze steht hier die Religion. Es entsteht nicht, wie positivistische Flachheit glaubt, aus einer Rasse eine Religion, als eine ihrer vielen Früchte, sondern die Religion ist der Mutterleib der Rasse. Man kann ohne allzu große Übertreibung sagen, daß es vor Mohammed noch keine Araber, vor Moses noch keine Israeliten, vor Homer noch keine Hellenen gegeben hat. Die Identität zwischen Religion und Nation ist noch dem ganzen Altertum eine Selbstverständlichkeit gewesen. Der wirkliche Herr des Landes ist der Gott; wird das Land erobert, so wird auch der Gott abgesetzt. „Was einen Gott hat“, sagt der Orientalist Hugo Windder, „ist ein Volk; und nur das ist ein Volk, was einen eigenen Gott besitzt.“