Kanadas erster diplomatischer Vertreter in Deutschland, Botschafter T. C. Davis, unternahm mit seinem Wirtschaftsreferenten Amman eine Informationsreise durch Westdeutschland. Er hatte auch in Hamburg eingehende Besprechungen mit interessierten Wirtschaftsweisen, in denen er sich sehr optimistisch über die Entwicklung der gegenseitigen Handelsbeziehungen äußerte. In diesem Zusammenhang dürfte nachfolgender Artikel unseres Korrespondenten in Ottawa von besonderem Interesse sein.

Kanada ist ein anziehendes Land – nicht nur landschaftlich. Seine Reichtümer über und unter der Erde, an Holz, Öl und Mineralien, werden immer interessanter, je mehr sich die Welt industrialisiert. Und seine Politiker gehören zu einem so ruhigen Menschenschlag – ziemlich unabhängig davon, ob sie der englischen, französichen oder deutschen Gruppe entstammen – daß man in der übrigen Welt sehr viel Vertrauen in die Zukunft des Landes und seiner Bevölkerung zu setzen wagt.

Daher der Menschenzustrom – allein in diesem Jahre schon an die hunderttausend Einwanderer! – daher auch der Zustrom von Kapital. Dieser Zustrom ist in Kanada höchst willkommen, soweit es sich um „echte“ Kapitalzuwanderung handelt. Gegen das nervöse Wandergeld, das ständig auf dem Sprung ist, in einem anderen Weltwinkel noch größere „Sicherheit“ zu suchen, hat sich Kanada durch die Freisetzung der Kursbildung für den kanadischen Dollar gewehrt, sehr erfolgreich, wie es scheint. Denn der Kurs des Kanada-Dollar hat seit der Freisetzung keine wesentlichen Schwankungen erlebt, wenn auch das Disagio gegenüber dem US-Dollar von rund 6 v. H. geblieben ist. Doch die „Gefahr“ allein, daß sich ohne vorherige Warnung der Kanada-Dollar international abschwächen könnte, ist ein genügend großes Schreckgespenst für das rastlos Sicherheit suchende Wandergeld.

Was im letzten Jahre an Kapital nach Kanada gekommen ist, sucht zwar auch Sicherheit, jedoch vor allem nutzbringende Beschäftigung. Sehr viel europäisches Kapital ist dabei, und es ist sicher als ein Symptom für künftige Absichten zu bewerten, daß in den letzten Monaten zwei Schweizer Großbanken, die Schweizer Bankvereinigung und die Credit Suisse, kanadische Töchter in Montreal geboren haben, die Swiss Corporation of Canada Investments Ltd. und die Credit Suisse (Canada) Ltd. Der schon vor dem Kriege von der Schweizer Union-Bank gegründete American-Canada Trust Fund hat dem Vernehmen nach seine kanadischen Investitionen kürzlich wesentlich erweitert. Belgische Interessenten haben die Kontrolle im Canadian International Investment Trust in Montreal erworben. Überraschend ist es zu hören, daß griechische Kapitalbesitzer sich an der kürzlich in Montreal mit 3 Mill. $ gegründeten Inter-American Investment Corporation maßgeblich beteiligt haben sollen, um industrielle Investitionen hauptsächlich in Kanada zu fördern – nach dem Aufsichtsrat zu schließen in einem weiten Rahmen zwischen Gold, Öl und Konsumgütern.

Noch in zwei weiteren Formen vollzieht sich die ausländische Kapitalzuwanderung: durch den Erwerb kanadischer Wertpapiere und durch die private Beteiligung an alten und neuen Werken. Bei dieser privaten Beteiligung darf der Einfluß aus den benachbarten USA nicht unterschätzt werden. Als kürzlich wegen der Vorgänge im Iran die Frage britischer Beteiligungen an der Ölerschließung in der Provinz Alberta akut wurde, zeigte sich, daß die großen amerikanischen Ölgesellschaften sich längst die Mehrzahl der Schürfrechte gesichert hatten und daß britische Untenehmen nicht nur bei der Erschließung selbst in aktive Konkurrenz mit den US-Konzernen treten, sondern auch in New York – statt in Montreal oder Calgary – über die Abtretung von Schürfrechten verhandeln müßten ...

Aber selbst europäisches Kapital findet allmählich seinen Weg in die kanadische Wirtschaft. Die Gründung einer Werkzeugmaschinenfabrik in Neufundland ist ein typisches Beispiel aus der mittleren Größenordnung. Schweizer Kapital, Anlagen von der Miag und deutsche Techniker werden, mit finanzieller- und sonstiger Unterstützung der Provinzregierung von Neufundland, in dieser jüngsten kanadischen Provinz den industriellen Aufschwung vorbereiten helfen. Andere Industriegründungen in Neufundland sind vorangegangen; allein von deutscher Seite werden eine Zementfabrik, eine Gipsplattenfabrik und neuerdings eine Lederfabrik errichtet. Leider macht es der deutsche Kapitalmangel fast unmöglich, an kanadischen Projekten teilzunehmen, die ohne hiesige amtliche Unterstützung entwickelt werden müssen. Doch manche hellhörige Kanadier halten es für keineswegs ausgeschlossen, daß die europäische Zusammenarbeit nicht auf Schümann und Pleven-Pläne beschränkt bleibt, sondern sich auch in gemeinsamer Erschließung kanadischer Reichtümer auswirkt. –ar