III. und Schluß: Persien denkt anders – Was wird aus Abadan?

Von Emil Rasche

Das heilige Feuer von Abadan – scheinbar seit hundert Jahren durch die Bohrtürme der Anglo-Iranian Oil Company ersetzt – ist in Wirklichkeit nur an jener Stelle – nicht aber in den Köpfen der Perser – verglüht. Der mohammedanische Glaube, der es vor Jahrhunderten an dieser ehemaligen Opferstätte entfachte, ist heute die metaphysische Grundhaltung, von der aus der Aufstand Persiens und der ganzen arabischen Welt gegen die europäische Bevormundung getragen wird. Emil Rasche, der Verfasser des Buches „Die Sechste Großmacht“, das soeben im Heinrich Schettler-Verlag erschienen ist und dessen Vorabdruck wir heute beenden, schildert im folgenden die religiösen Hintergründe der aktuellen Ölkrise. Persien denkt anders – das muß heute mancher Europäer erfahren, der bisher glaubte, am Hof zu Teheran mit Geld und Dividenden verhandeln zu können.

Die große Entwicklung der Anglo Persian Oil Company begann nach dem ersten Weltkrieg in den Jahren 1921 bis 1923. 1920 wurden 1,7 Millionen Tonnen gefördert. 1921 waren es 2,3 Millionen Tonnen, 1923 stieg die Produktion auf 3,6 Millionen Tonnen. 1930 hatte sich die Produktion auf 6,53 Millionen Tonnen erhöht. Im zweiten Weltkrieg, besonders in den Jahren 1941 bis 1943, fiel die Produktion. Ab 1944 stieg sie aber kontinuierlich weiter und erreichte 1948 27,2 Millionen Tonnen. 1950 wurden 30 Millionen Tonnen erreicht. In den Jahren 1921 bis 1923 wurde eine neue Pipeline von Maidan-i-Naftun nach Abadan errichtet. Eine Eisenbahnlinie wurde zwischen dem Karunfluß und dem Ölfeld gelegt. Die Ölbunkerstation für die britische Flotte wurde ausgebaut. In den gleichen Jahren bemühte sich die Gesellschaft auch um den Ausbau der Absatzorganisation und Raffinerien in England und anderen Ländern. Abadan wurde durch den Aufbau neuer Destillations- und Raffinationsanlagen zum größten Ölverarbeitungsunternehmen der Erde. 1923 wurde das Feld Naft-i-Shah, das im Nordwesten liegt, entdeckt. Das Jahr 1928 brachte die größten Erfolge für die Gesellschaft: das Feld Gach Saran wurde erschlossen und kurze Zeit darauf wurde das drittgrößte Erdölfeld der Welt bei Haft Kel entdeckt. Aus nur 23 Bohrungen strömen jährlich 9,5 Millionen Tonnen Erdöl. Die Höhe der Förderung in Persien ist seitdem nicht mehr durch die Produktionsmöglichkeit, sondern nur noch durch die Kapazität der Pipelines; und der Raffinerie in Abadan begrenzt. Der frühere Generaldirektor der Anglo Persian, Jacks, erklärte einmal dem deutschen Gesandten von Blücher: „Ich brauche meine Ventile nur umzudrehen, dann erhalte, ich die doppelte Menge Öl. Aber ich tue es nicht, denn ich kann sie nicht auf dem Weltmarkt absetzen.“ Da die britische Flotte stets ein Großabnehmer war, stellten für die Gesellschaft Preisschwankungen auf dem Weltmarkt keine Gefahr da. Die Anglo Persian ist nie in die großen Preiskämpfe, die Sir Henri Deterding ausfechten mußte, verwickelt gewesen. Im Jahre 1950 konnte sie die märchenhafte Dividende von 30 Prozent auszahlen.

Die Anglo Persian Oil Company bildet einen Staat im Staate. Die Ölfelder sind mit einem hohen Eisengitter umgeben. Nur mit einem Spezialausweis dürfen sie betreten werden. Abadan ist heute eine große Industriestadt, die ihre eigene Entwicklung erlebt hat – losgelöst aus dem allgemeinen persischen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Geschehen. Unser Bild gibt eine ungefähre Vorstellung von seiner ungeheuren Ausdehnung. In Abadan gibt es moderne Hotels und Gaststätten der Gesellschaft, Kinos, Klubs, Warenhäuser, Golfplätze und Poloplätze. Einige Kilometer im Umkreis vegetieren persische Bauern noch auf dem gleichen Lebensstandard, wie er schon im Mittelalter war. Im Jahre 1932 entschloß sich Reza Schah Pahlevi zum ersten Male, den Bereich der Anglo Persian Oil Company zu besuchen. Mit bitteren Gefühlen kehrte er nach Teheran zurück. Er hatte den gewaltigen Gegensatz gesehen, der zwischen Abadan und dem übrigen Persien herrschte. Im Dezember 1932 entschloß sich der Schah, die Konzession zu annullieren. In Teheran und auch in den anderen Städten und Dörfern war die Begeisterung darüber groß. Die Häuser waren mit Fahnen und Teppichen geschmückt und wurden in der Nacht illuminiert. Das Volk erklärte, daß „der Schah endlich das Eigentum des persischen Volkes den Engländern aus den Händen gerissen habe“.

Vor dem Völkerbund

Es schmeichelte dem Schah, daß das ganze Problem wor-der Völkerbund kam. Dort wurde Persien – wie es international schien – als gleichberechtigter Verhandlungspartner angesehen. Britischer Außenminister war in jener Zeit Sir John Simon. Er berief sich auf den Artikel 15 der Völkerbundssatzung. Der Völkerbundsrat trat zusammen. Die britische Regierung wurde durch den Außenminister vertreten und die persische Regierung durch einen französischen Rechtsanwalt. Sprecher war Dr. Eduard Benesch, der damalige tschechische Außenminister. Die Verhandlungen zogen sich einige Wochen hin; der Rat kam zu keinem Ergebnis. Da erschien in Genf der alte britische Ölstratege aus der Ära John Fishers, Lord Cadman, der schon seit der Konferenz von San Remo viele internationale Ölgefechte ausgetragen hatte.