Als der Schulsenator der Stadt Hamburg noch nicht Kultursenator war, übergab er einer Hamburger Maler-, Graphiker- und Architektengruppe ein halbzerstörtes Schulgebäude. Das war im März 1948. Er hielt zur Eröffnung eine Rede, in der er ausführte, daß der Wiederaufbau dieser Schule – den die neuen Mieter selbständig übernehmen wollten – „das Gsellenstück des Baukreises sei“. Denn Baukreis nannte sich die Gruppe der Künstler. Sie hat in den letzten drei Jahren auf genossenschaftlicher Grundlage manchen Auftrag von Privatleuten, von der Industrie und auch von Hamburger Behörden erfüllt: sie war verantwortlich für die Ausstellung „Jugend dein Beruf“, die das Arbeitsamt der (Hansestadt veranstaltete, sie wirkte mit bei der großen landwirtschaftlichen Ausstellung in diesem Sommer, kurz – sie hat manch Rühmliches geleistet. Vor allen Dingen hat sie vielen Künstlern Arbeit und Brot gegeben.

Mancher Brief kam deshalb in die Schule an der Norderstraße, der mit Dank und Anerkennung nicht zurückhielt. Eines Tages aber kam ein Brief, der keine Anerkennung enthielt. Er trug als Absender den Stempel „Schulbehörde Hamburg“. Aber was konnte Unfreundliches kommen von jenem Schulsenator, der sich ein Jahr zuvor so warm für den Baukreis eingesetzt hatte? Es kam etwas Unfreundliches: es wurde in dürren Worten die Räumung des Hauses gefordert; das Gebäude müsse wegen der Schulnot an die Schulbehörde zurückgegeben werden.

„Aha“, sagten die Leute vom Baukreis, „wir sollen offenbar für die Schulbehörde die Schulen wieder aufbauen und dann abgeben.“ Und sie schrieben einen Brief an den Schulsenator, der inzwischen auch – wie günstig, sollte man meinen – die Geschäfte des Kultursenators führte. Der Schriftwechsel dauerte über ein Jahr, die Räumung wurde zwar immer wieder verschoben, wurde aber zum 1. Oktober dieses Jahres als endgültig ausgesprochen.

„Während dieser ganzen Zeit“, erklärte uns ein Maler des Baukreises, „ist es uns nicht gelungen, den Herrn Schul- und Kultursenator persönlich zu sprechen. Wir konnten unsere Bitte nicht jenem Mann vortragen, der uns vor drei Jahren so herzlich unterstützte und der uns jetzt dieses Haus wieder abnehmen will.“

Wer will es den Künstlern übelnehmen, daß sie sich ihre Gedanken über die veränderte Stellungnahme des Senators machen? Dies kommt dabei heraus: „Als der Herr Senator nur Schulsenator war, wollte“ er gern Kultursenator dazu werden. Er ließ keine Gelegenheit aus, Künstler zu fördern. Sein Wohlwollen für uns ging so weit, daß wir – im Gegensatz zur Staatlichen Kunstschule – die ‚private Kunstschule’ des Herrn Schulsenators genannt wurden. – Aber jetzt untersteht ihm die Staatliche Kunstschule, und er interessiert sich für uns nicht mehr.“

Audiatur et altera pars: „Über die Schulnot“, sagt uns der Oberregierungsrat in der Kulturbehörde, „brauchen wir nicht zu sprechen. Jeder weiß, wie groß sie ist. Aber daß sich die Schulbehörde vom Baukreis sozusagen eine wiederhergestellte Schule schenken läßt, das stimmt nichts Wir haben in den Jahren, in denen der Baukreis die Schule aufbaute, eine so geringe Miete für das Haus genommen, daß der Aufbau damit mehr als bezahlt ist.“

„Es scheint mir“, führt der Oberregierungsrat fort, „daß viele Künstler der Auffassung sind, Mäzenatentum verstehe sich von selbst. Was sollen wir tun? Ich selber habe den Mitgliedern des Baukreises mehr als einmal Ausweichräume zu verschaffen versucht. Ich habe ihnen die Telefonnummern und Adressen von Häusern, die in Frage kamen, gegeben. Später erfuhr ich, daß sich der Baukreis nicht darum gekümmert hat... Gerade jetzt ist ihnen wieder ein neues Heim an der Elbchaussee angeboten worden.“