Von Claus Jacobi

In Taxis und Polizeiautos wurden Reservearbeiter in Hamburgs Hafen gefahren. Vor dem Bremer Rathaus kam es zu Demonstrationen, bei denen es Verletzungen und Verhaftungen hagelte. Und auf den Kaianlagen von New York Stapel-, ten sich für Millionen Dollar Importgüter und Tausende von Postsäcken. Telegramme flogen über den Atlantik. Schiffe wurden umdirigiert, Streiks sind aufgeflammt in den Häfen des Westens, dem Sammelbecken der Internationale. Wilde Streiks! Politische Streiks!

Schon schien in Deutschland die gefährliche Streikwelle vermieden. Am 20. Oktober gab die Gewerkschaft „öffentliche Dienste, Transport und Verkehr“ bekannt, daß sich die 30 000 Hafenarbeiter der deutschen Ost- und Nordseehäfen in einer Urabstimmung einem Schiedsspruch unterworfen hätten, der eine Erhöhung ihres Stundenlohnes um 9 Pfennig vorsah; ursprünglich hatten die Arbeiter 23 Pfennig gefordert, ursprünglich wollten die Arbeitgeber 2 Pfennig zahlen. Da aber erblickte des Kremls Fünfte Kolonne in Deutschland seine Chance. Die klaffende Lücke zwischen, ursprünglichen Forderungen und Bewilligungen einerseits und dem Schiedsspruch andererseits sowie die unglückliche Undurchsichtigkeit der Urabstimmung – dies waren die kommunistischen Parolen, mit denen zum Streik aufgerufen wurde. In Amerika lagen die Dinge nicht viel anders. Auch dort hatte die Gewerkschaft eine Lohnerhöhung um 10 cents erreicht. Auch dort waren die Arbeiter nicht zufrieden; sie forderten 25 cents. Auch dort wurde – allerdings schon acht Tage früher – mit einem illegalen Streik begonnen.

30 000 Hafenarbeiter streikten in den atlantischen Häfen New York, Boston, Baltimore und Philadelphia. 6000 in Hamburg, 2000 in Bremen! Präsident Truman forderte seine Hafenarbeiter auf, „mit Rücksicht auf die Landesverteidigung“ sofort die Arbeit wiederaufzunehmen, nachdem ihm „der völlige Stillstand des Transportes aller kriegswichtigen Güter“ nach Korea undEuropa gemeldet worden war. In Hamburger Morgenzeitungen erschien ein ganzseitiger Aufruf der Gewerkschaften und der Hafenbetriebsgesellschaft, in dem die Arbeiter gemahnt wurden, an ihre Arbeitsplätze zurückzukehren, da sie andernfalls arbeitslos würden. Und in Bremen sprach Bürgermeister Kaisen über den Rundfunk: „Dieser Streik dient den politischen Zwecken der KPD.“ Es war alles umsonst. Die Streiks wurden fortgesetzt. Sie kosteten Amerika täglich 25 Millionen Dollar und der Bundesrepublik täglich eine Million DM.

Wem kommt dieser Schaden zugute? Stalin! Und es ist kein Zweifel, daß zumindest die deutschen Streiks ferngelenkte Aktionen der Kommunisten sind. Dafür gibt es Beweise. Der Vorsitzende des Hamburger Streik-Komitees, Bodenstein, ist ein bekannter von der KPD-Zentrale in die Transport-Gewerkschaft dirigierter Funktionär. Das siebenköpfige Streikkomitee aus Bremen, Das vorübergehend hinter Schloß und Riegel gesetzt, wurde und heute um Wiedereinstellung im Hafen bittet, besteht zum Teil aus eingeschriebenen Kommunisten. Als die wilden Streiks an der Elbe und an der Wesser angelaufen waren, erschienen auch in Lübeck 50 Agenten, um die Hafenarbeiter zum Ausstand zu bewegen, wenn auch, genau wie in Cuxhaven, Kiel und Bremerhaven, ohne Erfolg. Aus der Sowjetzone wurden 100 000 Ostmark zum Ankauf von Lebensmitteln nach Bremen und Hamburg überwiesen.

Die Bremer waren die ersten, die mit dem Streik fertig, wurden. Die Bremer? Einer von ihnen vor allen anderen: Senatspräsident Wilhelm Kaisen, Deutschlands einziger Länderchef ohne Vorzimmer. Wie eine Geschichte aus einem lateinischen Lesebuch, so klingt der Bericht über seinen Amtsantritt im Jahre 1945, denn damals mußte der Bremer Kommandant der Besatzungsmacht auf das Land hinausfahren, um den zukünftigen Bürgermeister in Strickweste und blauer Mütze vom Pflug auf dem Acker in das Rathaus der Stadt zu holen. Wie eine Geschichte aus einer demokratischen Fibel, so klingt der Bericht über seinen ersten Versuch, den Streik in Bremen zu beenden. Überraschend drang er in eine Streikversammlung von über 1000 Arbeitern ein, die im Vermittlungsbüro im Hafen stattfand. „Es konnte schief gehen“, gesteht er brummend, als er davon berichtet, „aber ich mußte den Leuten doch sagen, was los ist.“ Und er tat es. Bravo-Rufe und Beifall empfingen ihn bei seiner Ankunft in der Streikversammlung. Und wenn auch an jenem Abend sein Versuch scheiterte, so war doch das Eis gebrochen. Als der Senat zwei Tage später den Streikenden versprach, ihnen zwei ausgefallenen Schichten nachzuzahlen und außerdem Kartoffelgelder in Höhe von 30 DM für Familienväter und 20 DM für Ledige auszuwerfen, da waren die Arbeiter bereit, den Streik abzubrechen. Nicht aber die kommunistischen Agenten. Doch als sie nun versuchten, den Ausstand fortzusetzen, da war es den Arbeitern selber klar, daß sie diesen Streik nicht um des Lohnes willen, sondern um der Politik willen geführt hatten. Nach vier Tagen war der Spuk vorüber. Kaisen hatte zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: den Ausstand beendet und die Drahtzieher entlarvt. Bremen war ihm dankbar.

Nicht so Hamburg. Dort kann man einen Ausfall von 6000 Streikenden leichter abfedern; das Löschen und Laden der Schiffe kann auch auf dem Höhepunkt des Streiks zu über 90 v. H. erfüllt werden. Senat, Gewerkschaften und der Zentralverband der deutschen Seehafenbetriebe sind daher außer sich über Kaisens Lösung. Nicht, daß sie nicht bereit wären, 600 000 DM zu zahlen – so viel würde das Bremer Rezept in Hamburg kosten –, aber man ist an der Elbe grundsätzlich nicht gewillt, mit dem Streik-Komitee zu verhandeln. Kaisen sagt: Wenn man von mir verlangt, daß ich einem kommunistischen Streik untätig zusehen soll, dann mag man jemand anders auf meinenS tuhl setzen.“ Im Hamburger Rathaus erklärt Senatsdirektor Lüth: „Wir müssen ein Exempel statuieren, auch wenn es uns etwas kostet. Wir können nicht über den Kopf der Vertragspartner hinweg mit dem illegalen Streik-Komitee verhandeln; wie können die Gewerkschaft und Arbeitgeber nicht desavouieren und den Kommunisten Bedeutung einräumen“. Kaisen hat an seine Stadt gedacht. Im Hamburger Rathaus denkt man die hohe Politik...

In Amerika bemühen sich Truman und die Gewerkschaften gemeinsam den Ausstand zu beenden. In Deutschland ist das anders. So offensichtlich es ist, daß die Streiks eine kommunistische Aktion sind, so schwierig ist es offenbar, das beste Mittel zu finden, diesem Angriff zu begegnen. Haben die Kommunisten mehr davon, daß die Gewerkschaft ein wenig blamiert dasteht, die Arbeit aber wieder aufgenommen ist wie in Bremen? Oder kommt es den Kommunisten mehr zugute, daß der Ausstand andauert, aber Gewerkschaften, Staat und Arbeitgeber eine geschlossene Front bilden wie in Hamburg? Es scheint, als gäbe der Erfolg Wilhelm Kaisen recht. Es scheint, als sähe man in Hamburg den Streik vor lauter Prestige nicht, so wie manche Leute den Wald vor Bäumen nicht sehen...