Von Walter A. Martin

Berlin, Ende Oktober

Es war der 24. Oktober 1950, an dem die Freiheitsglocke in Berlins Treuhänderschaft gegeben wurde. Es war der 24. Oktober 1951, also der Jahrestag, an dem Steinstücken, das die Volkspolizei fünf Tage zuvor besetzt hatte, wieder frei wurde. Der Briefträger aus Wannsee durfte wieder nach Steinstücken hinein; er fand einen leeren, allerdings neu angestrichenen Briefkasten vor...

Steinstücken ist eine Enklave gehört zu Westberlin und ist von russischer Zone umgeben. Es besteht aus rund 30 Häusern, in denen etwa 400 Menschen leben. Wenn der Name derart unbekannter Orte plötzlich in der Weltpresse erscheint, wird man fatal an Grenzzwischenfälle erinnert, bei denen man nie weiß, wie es ausgeht. In Steinstücken traten in der Hauptsache nur Volkspolizisten auf, und die Gruppe der mitwirkenden Rotarmisten war zum Glück nur klein. Denn bei den Russen genügt ein Nichts, sie so zu erschrecken, daß sie losschießen.

Von Westberlin führt ein einziger, rund 500 Meter langer Weg hin. Herbstlich buntes Laub überall, ein paar Krammetsvögel auf der Suche nach Ebereschenbeeren, hoch oben am Himmel ein hungriger Habicht. Überall am Weg wimmelt das Blau der Vopo; die meisten sächseln. Wer nach Steinstücken will, wird mehrfach kontrolliert. Ein Graben ist ausgehoben, so daß nur jeweils eine Person die Kontrolle passieren kann.

Es ist schwer, einen Steinstücken zum Reden zu bringen. Selbst jetzt noch, da der Spuk vorbei ist, spricht jede? nur mit größter Vorsicht. Wer aus Steinstücken heraus will, muß ja die russische Zone passieren. Die Steinstücken haben fünf Tage lang den „Probefall“ durchexerziert. Bezeichnend für ihre längst vorhandene innere Spannung war, daß einige sofort hellhörig wurden, als am Vortag des Handstreiches die Volkspolizei ihr großes Zelt mit dem Koksöfchen an der Zonengrenze vor dem Ortseingang abbauten. Von hier aus wurden die Ostzonenbewohner kontrolliert, die in Steinstückens vier Geschäften einkaufen gingen. Diese Kontrolle war mit der Begründung eingerichtet worden, in „dem Schieber- und Gangsternest“ sollten gesunde Verhältnisse hergestellt werden. Nach dem Handstreich war denn auch in der Ostpresse zu lesen: „Erhebliche Bestände an gehorteten und geschobenen Waren wurden bereits sichergestellt.“ Für jene, die das Sowjetdeutsch nicht verstehen, sei diese Wendung übersetzt: Die Einwohner wurden gründlich ausgeplündert. „Was sollte man da tun?“ sagte ein Steinstücken, „da kann man sich nur verteidigen wie eine Auster – indem man das Maul zuklappt.“ So zog die Friedhofsruhe des Ostens in Steinstücken ein, indes die roten Gebetsmühlen bereits zu klappern anfingen.

Die Furcht zog ein. Bei einigen auch die schmerzhafte Reue: „Warum bloß bin ich nicht längst auf und davon?“ Und bittere Fragen: „Kann ich auf einer Liste stehen?“ Dahinter aber das Vertrauen: „Der Westen wird uns nicht im Stich lassen.“ Zugleich, geheim und nagend: „Er-, hoffe ich das nur, weil dies die einzige Chance ist?“