Leider liegt Duisburgs Vorort Hamborn nicht ebenso nahe an einem Zentrum wirtschaftlichen Lebens wie Steinwerder gegenüber den St.-Pauli-Landungsbrücken. Es könnten sonst täglich weitere Millionen Menschen, Ausländer aus allen Teilen der Welt und Deutsche, an der Verödung industrieller Großanlagen die wirtschaftliche Nachkriegsstrategie der Besatzungsmächte ungezwungen betrachten. Was Blohm & Voss für den Handelsschiffbau an der Elbe ist, das ist für Stahl und Walzmaterial die August-Thyssen-Hütte AG in Duisburg-Hamborn. Kilometerlange Werksanlagen liegen auch 1951 noch in Friedhofsruhe da, gewaltige Eisenkonstruktionen ragen leblos in den vorwinterlichen Himmel, und im größten Werkshafen Europas drehen sich nur vereinzelt ein paar Kräne, um die Rohstoffe für eine zehnprozentige Beschäftigung heranzutragen.

10 000 ehemalige Thyssen-Arbeiter warten auf die Stunde, da diese sozialpolitischen Vergehen an ihrem Dasein durch Brief und Siegel, irgendeines nach Deutschland verschlagenen Kontrollbeamten ein Ende finden kann. Sie warten schon fünf Jahre. Kann in Deutschland Regierung und Öffentlichkeit eigentlich noch länger dem Bluten dieser politisch wie ökonomisch gefährlichen Wunde zusehen? Wir meinen, daß ohne eine sich steigernde deutsche Initiative die Gefahr des Vergessens stärker als tragbar wird. Wir glauben weiterhin, daß im Interesse der deutschen und der allgemeinen politischen Entwicklung jede heute verstärkt einsetzende deutsche Industrieaktivität schon in wenigen Jahren als der sinnvollste Beitrag zur Lösung der Probleme dieses Kontinentes beurteilt werden wird.

Neben Kohle, Energie und – Chemie gehören Eisen und Stahl in das Zentrum einer solchen Industrieaktivität. Hier hatten die Demontagen schwerpunktartig gewütet und mit dazu beigetragen, den Kontinent ökonomisch wie zivilatorisch um 50 Jahre zurückzuwerfen. Amerikanische Dollar sollen die Lücken wieder ausfüllen, heilen und den politischen wie Ökonomischen Verwitterungsprozeß des Abendlandes aufhalten.

Kaum vergeht eine Woche, daß nicht aus den Staaten mahnende Worte nach Europa herüberklingen. Von dort drängt man mit Nachdruck, die Grundstoffproduktionen zu steigern. Man pumpte schon Milliarden Dollar nach Frankreich, Italien und dem Beneluxraum, um Hüttenwerke aus dem Boden zu stampfen, während gleichzeitig noch amerikanische Brecheisen, britische Schneidbrenner und französische Sprengladungen hochleistungsfähige Anlagen in Schrott verwandelten oder säuberlich für die Sowjetunion abbauten. Einige der verbissenen Anwälte solcher Strategie sitzen noch heute als Wirtschaftsberater bei alliierten Hochkommissaren, während andere Kreise Dollarmillionen in den Staaten bereit halten, um damit die Ruhrproduktion von neuem zu beleben, aber nicht zum Zuge kommen.

Wir kennen alle manches Beispiel unverständlicher Doppelgleisigkeit alliierter Eingriffspolitik in die deutsche Wirtschaft. Die August-Thyssen-Hütte ist eines der markantesten. Vor kurzem kam im Rahmen des unzureichenden und unwirtschaftlichen Permits von jährlich 600 000 t Roheisen und 120 000 t Stahl der erste Siemens-Martin-Ofen in Gang, so daß er nun mit 5000 Monatstonnen Leistung rd. 20 v. H. des monatlich fließenden Roheisens (rd. 33 000 t) selbst verarbeiten kann. 80 v. H. der Produktion müssen aber per Eisenbahn an eine andere Hütte geliefert werden. Das warme Material wird auf dem Wege kalt, muß neu erhitzt und eingeschmolzen werden, frißt neuen Brennstoff und vernichtet die Verbundkonstruktion der alten Thyssenschen Anlage, die die l0fache Kapazität hatte und über 2 Mill. t Stahl jährlich lieferte.

Immer wieder hören wir Versprechungen, Ankündigungen und Zusagen für die Zukunft. Es wird viel mit dem Wort Gleichberechtigung und Partnerschaft jongliert.Wie aber in der Praxis die Lebensfragen der deutschen Wirtschaft behandelt werden, das veranschaulichen Besuche an den neuralgischen Punkten, sei es in Hamburg oder Kiel, in Salzgitter oder Essen, in Duisburg oder Dortmund. Wir meinen daher, die Sache mit der Thyssen-Hütte sollte nicht mehr die Angelegenheit eines einzelnen Werkes sein, so wie Helgoland nicht nur eine Sache Schleswig-Holsteins ist. Sie scheint uns eine Sache aller Eisen- und Stahlverbraucher zu werden. Auf dem Gelände in Hamborn ist zu 70 bis 75 v. H. die alte Anlage erhalten geblieben. Die geringe Summe von 67 Mill. DM oder 67 DM je Tonne Jahresleistung in Rohstahl wäre notwendig, um in der kurzen Zeit von einem Jahr die gesamte deutsche Unterversorgung im Eisenbereich wieder ausgleichen zu können und darüber hinaus dem ungedeckten Bedürfnis des europäischen Kontinents zu entsprechen. Statt dessen aber werden im außerdeutschen Bereich der Montanunion immer noch neue Projekte erörtert, deren Neubaukosten für eine gleich große Anlage auf 700 bis 1000 Millionen kommen.

Vor allem blicken Frankreich und England mit empfindlichen Konkurrenzgefühlen auf die „wirtschaftlich“ arbeitende Thyssen-Hütte und versuche alles, auch weiterhin diesen Krisenherd bei Duisburg aufrechtzuerhalten. Dabei ist schwer verständlich, wie sich internationale Stahlfachleute, die einigermaßen rechnen können, heute noch den Kostenvorsprung der einstigen Thyssen-Hütte vorstellen. Die 25prozentigen Dauerschäden und die tote Last von weiteren 25 v. H. Anlagewerten machen so große Summen jährlich im Kostengefüge aus, daß selbst bei einer Produktion von 1 Mill. Jahrestonnen nur eine sehr bescheidene Rendite zu erwirtschaften ist, die nur dem Durchschnitt der deutschen Stahlindustrie entspricht. Den „marktbedrohenden“ Kostenvorsprung haben Kriegsfolgen und Konkurrenzlimits längst verpuffen lassen, und man sollte auch bei den alliierten Kontrollstellen nun endlich einmal die Marktdiskriminierung beenden.