Von unserem Korrespondenten

R. S. Bonn, Anfang November

Zur gleichen Zeit, da die Sowjets auf der einen Seite verbreiten lassen, sie wären in einem interalliierten Gespräch über Deutschland zu großen Zugeständnissen bereit, legen sie auf der anderen Seite schweres politisches Störfeuer auf Westberlin. Der Warenverkehr von dort nach Westdeutschland, aber auch in umgekehrter Richtung, wird durch sich ständig steigernde Schikanen gedrosselt. Gelegenheit dazu gibt vor allem die zwar rechtlich zulässige, aber in der Praxis nur noch zur Behinderung des Warenverkehrs mißbrauchte Abstempelung der Warenbegleitscheine für die sogenannten Vorbehaltguter. Widerrechtlich verlangen die Sowjets Ursprungszeugnisse für Rohstoffe und Halbfabrikate. Schikanen am laufenden Band: Beeinträchtigung des Post-Paketverkehrs und willkürliche Beschlagnahme von Waren an der Grenze.

Ein Jahr lang etwa hatten die Gespräche über den Interzonenhandel gedauert, die immer mit der Frage der Verkehrssicherheit zwischen Westberlin und der Bundesrepublik verbunden waren, Am 20. September dieses Jahres wurde schließlich ein Warenabkommen unterzeichnet, wobei die Vertreter der Bundesrepublik ausdrücklich erklärten, der Vertrag könne nur dann wirksam werden, wenn endlich, was zwar von sowjetischer Seite wiederholt zugesagt, aber nie eingehalten worden war, der Warenverkehr zwischen Westberlin und Westdeutschland nicht mehr gestört würde. Am 26. Oktober, nachdem auch ein Abkommen über die Spezifikation der „harten Waren“, nämlich für beide Partner Volkswirtschaftlich besonders wichtigen Güter, unterfertigt war, verlangte Westdeutschland, daß die Behinderung des Warenverkehrs bis zum 1. November abgestellt werde. Vorher waren noch zeitlich und mengenmäßig genau festgelegte Zusagen in bezug auf die Lieferung von Roheisen und Walzwerkserzeugnissen gegeben worden.

Von der Gegenseite kam am 31. Oktober die Antwort. Und diese Antwort, zeigte, daß man sich mit den zugesagten Liefermengen und Lieferfristen plötzlich nicht mehr zufrieden gibt und unerfüllbare neue Forderungen stellt. Der Verhandlungsführer der sowjetzonalen Delegation erklärte dem Leiter der Treuhandstelle für den Interzonenhandel, entgegen einer etwa vier Wochen zurückliegenden Stellungnahme, ostzonalen Regierungsstellen sei es untersagt, über die Abwicklung des Warenverkehrs zwischen Westberlin und Westdeutschland mit Vertretern der Bundesrepublik zu verhandeln. Im übrigen, so sagten sie, hätten sie es immer abgelehnt, Verkehrsfragen mit Fragen des Interzonenhandels zu verkoppeln. Dagegen meinten sie, es wäre gut, wenn die Amerikaner darauf verrichteten, sich für die Verkehrswege zwischen Berlin und der Bundesrepublik zu interessieren, und deuteten an, daß Besprechungen über die Verkehrswege im Rahmen allgemeiner deutscher Beratungen alle Schwierigkeiten sehr bald aus dem Wege räumen würden.

Mit anderen Worten, die Sowjets setzen den politischen Druck dort an, wo sie glauben, daß er besonders schmerzlich sei, nämlich bei den wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Der Warenverkehr zwischen Berlin und Westdeutschland beträgt in beiden Richtungen mengenmäßig etwa 550 000–600 000 t im Monat, ist also nicht unerheblich. Es wäre daher für beide Teile sehr peinlich, wenn der Interzonenverkehr zwischen Ost und West vollkommen zum Erliegen käme. Die Bundesregierung scheint aber fest entschlossen, den wirtschaftlichen Druckmaßnahmen gegenüber nicht politisch weich zu werden. Eine sogenannte kleine Luftbrücke haben die Alliierten bereits in Betrieb genommen, sie befördert aber täglich kaum mehr als 10 v. H. des normalen Güterverkehrs.