Zum Abschluß der IFMA in Frankfurt a. M

Die erste Internationale Fahrrad- und Motorrad-Ausstellung, die vom 28. Oktober bis 4. November auf dem Messegelände im Frankfurt/M. stattfand; hat in der Öffentlichkeit erfreulicherweise die gleiche Wertung gefunden, wie die Internationale Automobil-Ausstellung im Frühjahr, kommt doch der Zweirad-Industrie, die nach ihrer 1948 durchgeführten Lösung von der Automobilindustrie eigene Wege geht, keine geringere Bedeutung zu. Es ist dabei. unerheblich, ob die Zweirad-Wirtschaft mehr oder weniger Menschen beschäftigt, als die Automobilindustrie, da hier – bei der Händlerschaft oder im Reparaturgewerbe – die Grenzen fließen. Der wichtigste Punkt der Bewertung ist vielmehr der, daß das Fahrrad und noch mehr das Motorrad für den Käufer der erste Schritt zum individuellen Verkehrsmittel ist, ein Schritt, der den Menschen mit einem leidenschaftlichen Wunsch nach der nächsten Stufe eines Verkehrsindividualismus erfüllt, an dessen, oberster Spitze im allgemeinen das eigene Automobil – vielleicht eines Tages sogar das eigene Flugzeug – steht.

Der psychologische Wert dieser Tatsache ist gewiß viel höher anzusetzen, als die volkswirtschaftlich interessante Tatsache, daß im Bundesgebiet etwa 15 Mill. Fahrräder und weit über eine Mill. Motorräder in Betrieb sind, so daß praktisch jeder zweite Erwachsene ein Fahrrad besitzt und von 1000 Einwohnern des Bundesgebiets 22 Motorradbesitzer sind. Dieser leidenschaftliche Wunsch nacheiner ständigen Steigerung der im Motor gebändigten Kraft, vom Fahrrad mit Hilfsmotor über das Leichtmotorrad zur „starken Maschine“ und schließlich zum Automobil zu gelangen, ist ein Phänomen, das noch seiner Deutung harrt. Der wirtschaftlichen Betrachtungsweise mag die Tatsache an sich genügen.

Ohne den drängenden Käuferwunsch wäre es der deutschen Motorradindustrie vermutlich nicht gelungen, die Schwierigkeiten, des Wiederaufbaus so rasch zu überwinden und die Produktion so zu steigern, wie es aus folgenden Zahlen hervorgeht: während 1949 rund 83 000 Motorräder und Motorroller hergestellt wurden, stieg der Ausstoß 1950 auf 219 000 und erreichte im 1. Halbjahr 1951 sogar 144 250. Dabei ist innerhalb der Gesamtproduktion eine langsame, aber deutliche Verschiebung zum stärkeren Motorrad unverkennbar, während andererseits aber das Fundament der „Pyramide der Motorisierung“, der Fahrradhilfsmotor, von 21 000 Stück in 1949 auf etwa die doppelte Stückzahl in 1950 anstieg und im 1. Halbjahr 1951 bereits 38 500 erreichte. Die starke Förderung, die der Fahrradhilfsmotor seitens der Motorradindustrie, vertreten durch den Verband der Fahrrad- und Motorradindustrie e. V., erfährt, beweist, daß die Leitung dieses Verbandes die psychologischen Voraussetzungen erkannt hat und im Käufer eines Fahrradhilfsmotors von heute den Käufer eines Motorrades von morgen sieht.

Mit einer großen Zahl neuer Modelle zeigte die deutsche Motorradindustrie auf der IFMA, daß nicht nur die Periode des Wiederaufbaus abgeschlossen ist, sondern daß sie nach Jahren einer unfruchtbaren Isolierung wieder den Anschluß an die Welt Produktion gefunden hat. Mehr noch als die in Chrom und Lack blitzenden Maschinen auf den Ständen der Motorradindustrie beweisen dies die steigenden Stückzahlen des deutschen Motorrad-Exportes nach Ländern, die in den Jahren seit Kriegsende von den englischen und italienischen Erzeugnissen beherrscht wurden. Darum kommt dem ungewohnt lich starken Auslandsinteresse, das auf allen Ständen der IFMA festgestellt wurde, eine noch größere Bedeutung zu, als den gewiß imponierenden allgemeinen Besucherzahlen, so erfreulich diese auch sein mögen.

Carl Otto Windecker