Dr. E. London, Anfang. November Das Gesicht der neuen britischen Regierung trägt die Züge ihres Schöpfers. Winston Churchill hat sich nie durch persönliche Rücksichten leiten lassen, wenn höhere. Interessen auf dem Spiel standen.

Bei der neuen. Kabinettsbildung hat Churchill sehr entschieden die von Attlee wesentlich geringer geschätzte altenglische Auffassung wieder zu Ehren, gebracht, daß die oberste Leitung und Verantwortung nicht Fachleuten, sondern politischen Persönlichkeiten mit Urteilsfähigkeit und Tatkraft anvertraut werden, soll; den Fachleuten kommt nach Churchills Meinung besser beratende, koordinierende und überwachende Funktion zu. Auf der anderen Seite wurde durch die Heranziehung jüngerer Kräfte dafür gesorgt, daß der Elan des teams nicht durch übergroße Vorsicht der älteren Generation gefährdet wird. Und schließlich war Churchill noch darauf bedacht, die Schlüsselstellungen keineswegs den Tories der alten Schule, sondern modern denkenden Konservativen anzuvertrauen. Dies alles sind gesunde Regeln der Regierungsbildung, die sich aber nur bewähren können, wenn eine starke Persönlichkeit an der Spitze des ganzen Apparates steht.

Anthony Eden, in der Außenpolitik unentbehrlich, nimmt dank seiner früheren Dienste und seiner selbständigen Persönlichkeit eine Sonderstellung ein. Sein Anspruch auf. Churchills – Nachfolge ist unbestritten und von dem Premier auch von vornherein durch die Ernennung zum Vize-Premier bestätigt worden. Dies ist mehr alseine bloße Formalität. Denn Churchill will: sich, wenn alles gut geht, in ein bis zwei Jahren zur rückziehen, und auch schon zuvor wird der heute 77jährige des öfteren, einen Stellvertreter nötig haben. Neben Lord Reading wird, der in der Diplomatie groß gewordene Lord Salisbury, ein Hachkomme der Cecil-Familie, Eden als parlamentarischer Unterstaatssekretär beraten. Seiwyn Lloyd als Staatsminister für Auswärtiges und Anthony Nutting ab Unterstaatssekretär schließen den Kreis. Diese beiden außenpolitischen Neulinge geben dem Foreign Office einen unorthodoxen Zug, der im Verkehr mir manchen Regierungen wahrscheinlich mehr bedeutungslos bleiben dürfte. Sie alle werden Eden in seiner Einstellung bestärken, m, der Bejahung, nämlich der westlichen und der europäisch-regionalen Zusammenarbeit aufjenen Basis, die von Churchill schon 1947 in Zürich, und später in-Ottawa und Washington vertreten wurde. Deutschlands Gleichberechtigung wird, vom den neuen Machthabers in England zweifellos energischer unterstützt werden als bisher, wenn vielleicht auch noch entschiedener für die Erhaltung eines bewaffneten Übergewichts der Alliierten gesorgt werden dürfte.

Die Schlüsselstellung im neuen Kabinett, die Schatzkanzlerwurde, ist in die Hände des reformfreudigen, modern, denkenden Richard-Austen Butler gelegt. Der noch – nicht Fünfzigjährige, Sohn eines Provinzgouverneurs aus: Indien, der selbst in Indien das Licht der Welt erblickte und in Marlbourough erzogen wurde, darf als Spitzenprodukt der besten. Beamten-Tradition des Empire gelten. Mit 27 Jahren wurde er Abgeordneter eines idyllischen Wahlkreises in Essex, den er ohne Unterbrechung bis heute im Parlament von Westminster vertritt Nach verschiedenen untergeordneten Regierungstätigkeiten kam 1941 für Butler die große Chance, als ihm Churchill im Krieg den ersten, selbständigen Ministerpostens als Präsident der Erziehungsabteilung anvertraute. Eine umfassende Reform des englischen! Volksschulwesens war das Ergebnis, ein Ergebnis, dessen Fortschrittlichkeit selbst! den sozialistischen Auffassungen so gerecht sich das sechsjährige Labourregime im der unveränderten Durchführung der „Butler-Akte“ zufrieden gab. Butler selbst was während dieser sechs Jahre Labourherrschaft einer der unermüdlichsten konservativen-Kämpfer auf der vordersten Bank im Unterhaus. Aber nicht nur gegen die Regierung, sondern vor allem für eine Modernisierung und Verjüngung der Konservativen Partei; Jetzt ist für ihn die Zeit gekommen, seine Ideen zu verwirklichen.

Der junge Konservative Thorneycroft als Handelsminister und der Jurist. Sir Walter Monckton, der als Arbeitsminister die Beziehungen zu den Gewerkschaften halten muß, sollen ihm dabei zur Seite stehen; Von diesem Trio wird: es in erster Linie abhängen, ob es der konservativen Regierung gelingt, die lähmende Wirkung der sozialistischen Planwirtschaft abzustreifen, die Inflationskrise zu überwinden,. den Rüssungsbedarf zu finanzieren und gleichzeitig den Wohlfahrtsstaat beizubehalten. – Diesem jungen Dreier-Team hat Churchill den schon 70jährigen: Sir Arthur Salier beigegeben, der über ein besonders reiches Maß an Erfahrungen auf wirtschafts- und finanzpolitischem Gebiet verfügt Er wird als Staatsminister für Wirtschaftsfragen die verantwortlichen Ressortminister nur beraten, sie aber in ihrer Tätigkeit nicht einengen können. Ähnlich steht es mit den wichtigen. Ministerien für Brennstoff und Transport, die energischen, jüngeren Händen anvertraut wurden, jedoch, vom alten Lord Leathers, einem mit; allen Wassern gewaschenen self-made-businessman überwacht und koordiniert werden. Der Schwiegersohn Churchills, Duncan Sandys, endlich betreut das für Rüstung und Industrie wichtige Amt des ministers of supply, dem die Rohstoffbeschaffung, die Einfuhr von Maschinen und der Betrieb kriegswichtiger Fabriken unterstellt sind. Den Premierminister, der sich, selbst das Verteidigungsministerium vorbehalten. hat, möchte sich augenscheinlich auch im ministry ofsupply einen ebenso direkten wie intimen Einfluß offenhalten.

Ein Grundzug der neuen Regierung ist das Bestreben, das eigentliche Kabinett möglichst, klein zu halten, es werden, nur 16 Minister im Kabinett sitzen. Da aber einige von ihnen, was ein Novum darstellt, verschiedene Fachministerien, die bisher – keine Stimme im Kabinett hatten, gewissermaßen; in Personalunion koordinieren, sind im ganzen: mehr Fachgebiete durch Kabinettsminister vertreten als bisher. – Einige Kritiker meinen, Churchill habe zu viele Peers in die Regierung genommen, doch hat dies zweifellos, den Vorteil, daß die Lords als Mitglieder des Oberhauses nicht so stark durch parlamentarische Geschäfte und Ausschüsse, in Anspruch genommen werden und sich, darum den Regierungsgeschäften wirklich widmen können.