Im Théâtre Antoine sind die Vorstellungen von Jean-Paul Sartres „Der Teufel und der liebe Gott“ bis Februar 1952 im voraus ausverkauft. Ein starkes Kontingent von Besuchern stellt der Klerus. Das Stück sei atheistisch, sagt der Autor selbst. Aber er stellt in ihm die Gottesfrage so radikal wie sonst heute nur noch Claudel. Dieser ist ein (geduldeter) Ketzer im Schoß der Kirche. Sartre ist ein Ketzer außerhalb der Kirche. Er hat den Glauben nicht, aber er zeigt, was Glaube sein kann. Er reklamiert nicht die Gnade für sich, aber er ist (seit dem Tode Gides) der Frömmste aller Ungläubigen, ein luziferischer Geist, der in die Herden fährt und jeden herausfordert, sich zu bekennen.

Nach Kopenhagen hat nun Hamburg eine Aufführung gewagt. Sie wurde (im Deutschen Schauspielhaus) ein theatralischer Triumph für den Regisseur Karl-Heinz Stroux, den Bühnenarchitekten Karl Gröning, die Darsteller. Walter Franck (der hier die Rolle seines Lebens spielte und erfüllte), Maria Becker, Edda Seippel, Josef Offenbach, Werner Dahms, Robert Meyn – und für das Werk als dramatisches Ereignis. Denn ihm ganz allein hatte die Probenarbeit gegolten, nicht irgendwelchen „existentialistischen“ Spitzfindigkeiten oder malerischen Verbrämungen. Klar, hart und lodernd, nicht anders als sei Brechts „Mutter Courage“ zu inszenieren (mit deren figürlicher Intensität und deren ironischem Pathos sowieso enge Verwandtschaft besteht), prallten die Positionen aufeinander, die nun einmal doch nicht professorale, sondern religiöse sind.

Fast möchte man sagen: deutsch-religiöse. Sartre hat für dies kardinalste seiner Stücke keinen gemäßeren Schauplatz zu finden gewußt als Deutschland in der Sekunde vor der Reformation, der Aufsplitterung des Glaubens in kirchliche Starre, Schwarmgeisterei und verzweifelte Skepsis. Dies örtlich-zeitliche Kolorit mag in Paris einen exotischen Reiz ausüben. In Hamburg, wo auf alle historisierenden Hilfen verzichtet wurde, wirkte es bestürzend unmittelbar. Daß dies ein französisches Spiel sei, wurde man nie gewahr. Die Ritter und Landsknechte, die Prälaten und Pfarrer, die Bürger und die aufständischen Bauern sind jedem deutschen Publikum aus Goethes „Götz“ und Hauptmanns „Florian Geyer“ vertraut. Sartre stellt sie nur unter unsere Ungewißheit: woher hole ich die Gewißheit, das Rechte zu tun?

Sein Götz, Raubritter und Condottiere, führt keinen existentialistischen Satz im Munde. Aber er schreitet die extremen Möglichkeiten einer Existenz ab: den puren Egoismus und die pure Menschenliebe. Das Böse zu tun hört er auf, weil es das Leichtere ist. Beim Guten scheitert er, weil der bloße Wille dazu leerläuft. Also entscheidet er sich, zu sein, was er schon ist: ein Heerführer, aber nun für die Sache, die er nötig findet: die soziale Gerechtigkeit. „Man muß das Böse tun, damit das Gute wird.“ Die schmutzigen Hände kann nur vermeiden, wer das Böse in der Welt tatenlos geschehen läßt und sich die seinen in erlogener Unschuld wäscht.

Als ein hoher Pariser Geistlicher gefragt wurde, ob er es nicht für angezeigt halte, von dem Besuch dieses Werkes abzumahnen, antwortete er: „Eine Zeit ohne Ketzer ist eine Zeit ohne Gläubige.“ Keiner darf sich rühmen, in seinem Glauben so sicher zu sein, daß er der äußersten Anfechtung standhalten würde.

Sartre ist diese Anfechtung, die derjenige am schlechtesten besteht, der ihr aus dem Wege geht. Daß sein Drama für Deutsche so authentisch wirkt, ist ein Zeichen mehr, daß jeder von uns sich ihm stellen muß. Christian E. Lewalter