Heinrich Eduard Jacob: Estrangeiro. Roman (Verlag Heinrich Schettler, Frankfurt am Main. 330 S., Leinen. 12,80 DM).

Diese Stimme ruft die Erinnerung an jene Jahre nach dem ersten Krieg herauf, da die Literatur, zugleich Kunstwerk und Manifest, auch hierzulande eine öffentliche Angelegenheit zu werden schien, und ein Novellenband den Titel tragen konnte: „Das Flötenkonzert der Vernunft“. Heinrich Eduard Jacob kam aus dem menschheitsgläubigen Kreis der neuen Aufklärung, und er kam von der Musik, aus Mozarts Bereichen. Das literarische Berlin, aller Entdeckungen froh, schätzte bald seine klare und zugleich enthusiastische Handschrift; die große Gemeinde der Leser folgte, als dieselbe Hand die entzückende Geschichte von „Jacqueline und den Japanern“ ichrieb und bald darauf die „Liebe in Ueskueb“. Sie machten Jacob weithin bekannt – bis auch dieser Ruhm in dem befohlenen Schweigen unterging.

Mit dem Roman „Estrangeiro“ kehrt der Dichter nach siebzehn Jahren, von New York aus, in die deutsche Literatur zurück. „Denn es bedarf Athen der Fremden um ihrer Kunstfertigkeit willen.“ Das Wort des alten Xenophon ist dem stach als Motto vorangestellt, und es birgt schon die Elemente, auf denen die Handlung baut. Der kunstfertige „Fremde“ ist ein Einwanderer aus Ungarn, ein Textilkaufmann, der eine wichtige Erfindung macht und sie in Brasilien monopolisieren will. Was folgt, ergibt sich fast mit Notwendigkeit, denn ‚Athen‘ bedarf zwar der Fremden, doch eben deshalb lernt es sie auch hassen. Elemer Hegedüs bekommt es zu spüren; über den Widerständen wird er zum Neurotiker wie tauende vor ihm und endet, in einem Augenblick des Rasens, als Gewalttäter, zugleich im Recht und im Unrecht.

Was den Erzähler an diesem Vorwurf fesselt, ist nicht so sehr der Fall wie das Motiv. Nicht Hegedüs ist wichtig; wichtig ist sein Schicksal, soweit es eine Ur-Situation erhellt, die alte, ewig wiederkehrende des Fremdlings. Daher die Einführung eines Sprechers, der neben (und über) der Fabel den Part der Geschichte und der höheren Gerechtigkeit zu führen hat, daher das Typisierende bei den Gestalten der Einwanderergruppe. Denn die Individualität ist hier das Land, ist Brasilien selbst. Wo immer der Roman von ihm und seiner Wirklichkeit zu sprechen anhebt, der landschaftlichen, wirtschaftlichen, sozialen, setzt ein fast unbegreiflicher Prozeß des Heranrückens ein – ein Vorgang, der weder aus der Sachkenntnis noch aus dem Scharfblick des Beobachters zu erklären ist, sondern aus der Wahl, wie sie allein der Dichter unter den vielerlei Lebensgestalten zu treffen vermag.

Hans Nowak