Später – dafür aber vernichtender – als die meisten anderen deutschen Städte hat Dresden die Schrecken des letzten Krieges zu spüren bekommen. Als man sich auch hier zur Vorsorge für den Schutz bedeutender Kulturgüter veranlaßt sah, wurden die Kunstschätze der Galerie, des Kupferstichkabinetts, des Grünen Gewölbes und der Staatlichen Porzellansammlung ausgelagert. Ihr neuer Aufenthalt wurde geheimgehalten, und nur wenige Eingeweihte kannten ihn. Die finsteren Gewölbe der Festung Königstein waren dazu ausersehen, die Meisterwerke der Galerie (darunter die Sixtinische Madonna) aufzunehmen. Wissenschaftler und Techniker hatten der Gefährdung der Bilder durch Schmutz, Feuchtigkeit und andere schädliche Einwirkungen vorgebeugt. Eine besondere Klimaanlage sorgte für gleichbleibende Temperatur. Dies geschah noch zu einer Zeit, als man in Deutschland überzeugt war, den Krieg außerhalb der Reichsgrenzen beenden zu können.

Zwei Jahre später, als Dresden in einer einzigen Nacht (13. zum 14. Februar 1945) nahezu völlig ausgelöscht wurde, befand sich der größte Teil der verlagerten Kunstschätze bereits in den Händen der Russen. Die Festung Königstein war damals noch in deutscher Hand.

Am 11. Mai 1945 ereignete sich folgendes: Die Russen hatten Dresden am 8. Mai ohne Kampf besetzt und begannen, sich häuslich einzurichten, Manche der für die verbliebenen Kunstwerke Verantwortlichen entdeckten plötzlich ihr russenfreundliches Herz. Dennoch gab es noch einige einflußreiche Persönlichkeiten, für die es feststand, daß die Gemälde der Dresdener Galerie den Eroberern nicht in die Hände fallen durften. Sie hatten einen Plan erdacht, mit dessen Hilfe es gelingen konnte, die Bilder nach Westdeutschland zu schaffen und sie so dem Zugriff der Russen rechtzeitig zu entziehen. Sie waren der Überzeugung, daß dies der einzige Weg sei, diese Kunstwerke und das Recht an ihrem Besitz dem deutschen Volke zu erhalten,

Aber da waren auch Männer, die ihre Chance sahen, sich bei den neuen Machthabern in ein günstiges Licht zu setzen. Während man auf der Festung fieberhaft an der Verpackung der Gemälde arbeitete, um sie auf heimlich beschaffte Kraftfahrzeuge zu verladen und mit ihnen die gefahrvolle Flucht nach Westdeutschland zu wagen, trafen unten im Städtchen Königstein bewaffnete russische Erkundungstrupps ein, geführt von einem „Kulturoffizier“. Für die Leute auf der Festung begann ein nervenpeitschender Wettlauf um wenige Stunden. Noch ahnten die Russen nicht, welche ungeheuren Werte ihnen winkten, nur wenige Kilometer bergauf. Inzwischen erfüllte sich unten im Tal schon das Schicksal dieser Werte.

An den Offizier traten plötzlich aus der Masse der Gaffer einige Deutsche heran; lebhaft gestikulierend und radebrechend wiesen sie immer wieder zur Festung hinauf. Der Russe verlor bei dem hastigen Bericht beinahe seine Fassung – hatte man doch schon längst nach den berühmten Bildern gefahndet. Dann ging es mit Vollgas hinauf zur Festung. Die Rettung der Bilder war vereitelt.

Das Folgende lief ab wie ein Uhrwerk: Ferngespräche jagten über den Draht, Kommissionen und hohe russische Offiziere erschienen, und ein emsiges Prüfen, Vergleichen, Abmessen und Sortieren begann. Kisten wurden an Ort und Stelle „nach Maß“ angefertigt, und unter „fachkundiger“ Leitung in wenigen Tagen die Bilder verpackt, Teilweise wurden sie mit brutaler Gewalt aus ihren Rahmen gerissen, wobei sie Beschädigungen erlitten, die kein Restaurator jemals beheben wird. Nacheinander verschwanden so alle die Rembrandt, Rubens, Leonardo, Tizian, Dürer und Holbein, und mit ihnen die „Sixtinische Madonna“. Gerhard Großmann