Ein Gespräch mit Igor Strawinsky

Nach ihrer deutschen Erstaufführung in Stuttgart wird Strawinskys neue Oper „The Rake’s Progress“ am 14. November auch in der Hamburgischen Staatsoper herauskommen.

Mit Zurückhaltung, fast ablehnend sogar, hatte die Weltpresse die Uraufführung der neuen Strawinsky-Oper „The Rake’s Progress aufgenommen und damit den enthusiastischen Beifall, den das Publikum dem Komponisten im Teatro la Fenice zollte, entkräftet.

Am Tage nach dem „Triumph“, den die Zeitungsjungen in den Straßen Venedigs mit heiserer Stimme ausriefen, saß ich Igor Strawinsky in seinem Hotelzimmer gegenüber. Die herabsetzenden, teilweise böswilligen Kritiken hatten ihn nicht beeindruckt. Ein glückliches Lächeln lag auf seinem faltigen Gesicht. „Man wirft mir vor, ich habe eine Synthese aus Purcell, Händel, Gluck, Tschaikowskij und Mozart geschrieben. Gut. Ich sage, ich habe mit ‚The Rake’s Progress mein Bestes geschaffen.“

„Wie kamen Sie auf die Idee, nach der Komposition russischer, französischer und lateinischer Bücher diesmal ein englisches Libretto zu wählen? Teilen Sie nicht die Ansicht, weiter Kreise, die englische Sprache sei antimusikalisch?

Strawinsky überlegte einen Augenblick. Vielleicht dachte er an die Stellen in der Partitur, die er ändern mußte, da man ihn darauf aufmerksam gemacht hatte, daß er diesem und jenem Wort durch seine Musik eine unrichtige Betonung aufgezwungen. „Wie kann die Sprache eines Landes ‚antimusikalisch‘ sein, das zwei Jahrhunderte lang auf dem Gebiet der Vokalmusik führte?“

„Was veranlaßte Sie, nach Werken wie ‚Le Rossignol‘, ‚Mavra‘, ‚Ödipus Rex‘ und den anderen, in denen Sie doch fast ausnahmlos mit Neuem, mit Wegbereitendem aufwarteten, ein derartiges durch und durch traditionelles Werk, ein, um Ihre eigenen Worte zu gebrauchen, ‚très grand bôteau‘ zu schreiben?“