Versuch, die Soldaten der Ostfront zu retten – Der letzte Außenminister Schwerin von Krosigk berichtet

Lutz Graf Schwerin von Krosigk hat gesprochen: „Es geschah in Deutschland“ heißt sein Buch, das demnächst im Rainer Wunderlich Verlag Hermann Leins, Tübingen, erscheinen wird. Dieses Buch entwirft, indem es Menschen zeichnet, ein Charakterbild der deutschen Geschichte. „Die Zeit“ veröffentlicht heute einen Ausschnitt aus dem letzten Kapitel dieses Buches – die Exekution des Dritten Reiches.

Vom 2. bis 23. Mai 1945 regierte in Mürwik, wo schon seit der kaiserlichen Zeit, eine Marinefähnrich-Schule bestand, die „Regierung Dönitz“.

Dönitz hatte mich am 2. Mai zum Außenminister ernannt. Meine Bedenken stellte ich zurück, als er mir sagte, auf dem Posten, den er mir übertragen wolle, seien keine Lorbeeren zu ernten, aber er brauche einen Mann, der ihn bei den kommenden Entscheidungen politisch berate. Seine Wahl sei auf mich gefallen, weil ich von Anbeginn ein Gegner der Ribbentropschen Außenpolitik gewesen sei. Er appelliere an mein Pflichtgefühl. Damit war ich für drei schicksalschwere Wochen einem Manne eng verbunden, den ich bis dahin kaum kennengelernt hatten In Flensburg arbeitete ich täglich mehrere Stunden mit ihm. Außerdem wohnten wir zusammen.

Zunächst ging es darum, ob er die Berufung zum Nachfolger Hitlers annehmen und ob er sich den einschränkenden Anordnungen, die damit verknüpft waren, unterwerfen sollte. Dönitz hat sich nicht einen Augenblick besonnen, den Auftrag, durch den er sich als das nach dem damaligen Verfassungsrecht rechtmäßig eingesetzte Staatsoberhaupt ansah, zu erfüllen. Es mußte im Augenblick des Zusammenbruchs jemand da sein, der befahl und handelte. Sonst gingen noch Hunderttausende sinnlos zugrunde. An ihn war die Berufung ergangen. Also mußte er in die Bresche springen. Was er mir gesagt hatte, galt für ihn selbst: Lorbeeren waren nicht zu gewinnen. Aber er gehorchte dem Gebot der Pflicht. Hier kannte Dönitz kein Schwanken. Etwas anders lag es bei den einschränkenden Anordnungen Hitlers. Der erste Funkspruch, von Bormann unterzeichnet, teilte am 30. April mit, daß Hitler an Stelle Görings den Großadmiral als seinen Nachfolger eingesetzt habe, und verlieh Dönitz Vollmacht für alle Maßnahmen, „die sich aus der gegenwärtigen Lage ergeben“. Für Dönitz war bereits diese Vollmachterteilung Grundlage seines Handelns. Der zweite Funkspruch, ebenfalls von Bormann unterzeichnet, teilte am 1. Mai früh mit, daß das Testament „in Kraft“ sei. Auf diese Weise gab Bormann bekannt, daß Hitler tot war. Der dritte Funkspruch datierte vom 1. Mai nachmittags und war von Goebbels unterzeichnet: „Führer gestern 15.30 Uhr verschieden. Testament vom 29. April überträgt Ihnen das Amt des Reichspräsidenten, Reichsminister Dr. Goebbels das Amt des Reichskanzlers, Reichsleiter Bormann das Amt des Parteiministers, Reichsminister Seyß-Inquart das Amt des Reichsaußenministers.“ Der merkwürdige Unterschied zwischen den beiden ersten Funksprüchen und dem dritten, auch die Tatsache, daß Goebbels nach dem Tode Hitlers 24 Stunden brauchte, um dem Nachfolger den Inhalt des Testaments mitzuteilen, rief den Verdacht hervor, daß Goebbels eine nachträgliche Korrektur der letzten Anordnungen Hitlers vorgenommen habe. Das später vorgefundene, von Hitler selbst unterschriebene Testament hat diesen Verdacht nicht bestätigt.

Entschluß zur Kapitulation

Die nächste Entscheidung, die eine weittragende geschichtliche Bedeutung besaß, mußte ebenfalls schon am 2. Mai getroffen werden. Ein Teil der Generale des OKW vertrat die Meinung, daß die neue Regierung keine bedingungslose Kapitulation abschließen, daß man vielmehr die Kapitulationsverhandlungen und die Waffenstreckung den einzelnen Truppenteilen überlassen solle. Der Gedanke war, den Gegner mit seiner Forderung einer bedingungslosen Kapitulation ins Leere stoßen zu lassen. Es sollte sich keine Stelle finden, die zentral eine solche Erklärung abgäbe. Die Absicht Dönitz’ jedoch, möglichst viele Menschen, Soldaten und Zivilpersonen, dem Zugriff des Ostens zu entziehen, konnte nur im Zuge einer einheitlich gelenkten Kapitulationspolitik verwirklicht werden. Dönitz entschloß sich ohne Rücksicht auf seine Person zur Kapitulation. „Ich muß den Weg gehen, den ich nach besten Wissen und Gewissen als den richtigen für Volk und Truppe erkenne, auch wenn er für mich entehrend oder diffamierend wirkt.“