Aus den für den Entschluß zur Kapitulation bestimmenden Gründen ergab sich von selbst der einzuschlagende Weg. Da eine sofortige Gesamtkapitulation Millionen von Flüchtlingen und die an der Ostfront kämpfenden Truppen den Bolschewisten ausgeliefert hätte und außerdem von der Ostarmee nicht befolgt worden wäre, mußte Zeit gewonnen werden, bis Flüchtlinge und Truppen die Linien der Westarmeen erreichten. Eine besondere Rolle spielte bei den Überlegungen die am weitesten entfernte Heeresgruppe Schörner, die noch am Ostrand der Tschechoslowakei stand. Seine ursprüngliche Absicht, den sofortigen Rückzug anzuordnen, führte Dönitz mit Rücksicht auf das OKW nicht durch; er mußte befürchten, daß sich der eigenwillige Schörner den Befehlen des Admirals, „der vom Landkrieg nichts versteht“, nicht unterwerfen und damit die Absichten Dönitz’ durchkreuzen könnte. Deshalb stellte er die Entscheidung auf den nächsten Tag zurück, zu dem er Schörner oder dessen Chef des Stabes, General von Natzmer, bestellt hatte. Im übrigen legte er aber noch am 2. Mai das Verfahren fest. Um Zeit zu gewinnen, sollten im Westen Teilkapitulationen abgeschlossen werden; nach Rückführung der Flüchtlinge und der Osttruppen über die westlichen Linien konnte man auch nach Osten die Kapitulation aussprechen.

Wie richtig es gewesen war, die Kapitulation von einer zentralen Stelle aus zu steuern, zeigte sich am nächsten Tage bei der Besprechung mit den Befehlshabern von Dänemark und Norwegen; für die Heeresgruppe Schörner kam General von Natzmer. Der temperamentvolle Befehlshaber von Dänemark zeigte die Haltung des alten Generals, dem es als Pflicht erscheint, weiterzukämpfen, solange er noch eine intakte Truppe zur Verfügung hat; er war entschlossen, in Nord-Schleswig „die letzte anständige Schlacht des Krieges“ zu schlagen. General von Natzmer war dankbar für die Unterrichtung über die Absichten Dönitz’. Er könne nun bei seinem Oberbefehlshaber leichter den Entschluß zum Rückzug durchsetzen. Er nannte als Mindestfrist für die Rückführung der Heeresgruppe Schörner an die westlichen Linien den Zeitraum von acht Tagen. Durch diese Aussprache war vermieden, daß in Nord-Schleswig, in der Tschechoslowakei und an anderen Stellen der Front eine „letzte anständige Schlacht“ geschlagen wurde. Soldaten und Zivilisten wären nutzlos geopfert worden, und die Ziele, Dönitz’, Schonung der Städte der noch nicht besetzten Gebiete, Rettung der Ostflüchtlinge und -truppen, hätten sich nicht erreichen lassen.

Forderungen Montgomerys

Die „Teilkapitulation im norddeutschen Raum“ wurde im Auftrag von Dönitz am 4. Mai von dem neuen Oberbefehlshaber der Marine, Admiral Friedeburg im Hauptquartier Montgomerys unterzeichnet. Vom 5. Mai morgens ab schwiegen die Waffen in diesem Bereich. Die Forderungen Montgomerys waren in drei Punkten über Friedeburgs Vorschläge hinaufgegangen. Montgomery verlangte, daß die Niederlande, Dänemark und die im Kapitulationsbereich befindlichen Schiffe in die Kapitulation einbezogen würden. Dönitz war einerseits froh, daß die Niederlande und Dänemark aus dem Kriegsgeschehen ausschieden; „anständige Schlachten“ brauchten dort nicht mehr befürchtet zu werden. Andererseits hatte er die Besorgnis, daß durch die Einbeziehung, der Flotte und Dänemarks die Rücktransporte aus dem Osten, die zum Teil nach Dänemark gingen, behindert werden könnten. Aber Friedeburg, der am 4. Mai vormittags zur Berichterstattung nach Mürwik zurückgekehrt war, konnte den Großadmiral unter Hinweis auf die ihm gegebenen Zusagen, daß Rücktransporte weiterlaufen könnten, beruhigen. Auch einzelne Soldaten, die, vom Osten kommend, durch die Demarkationslinie sickerten, sollten in englische Gefangenschaft genommen werden. Zivilisten aufzunehmen, hatte Montgomery allerdings mit der Begründung abgelehnt, daß die Kapitulation ein militärischer Akt sei, in den Bestimmungen über Zivilisten nicht aufgenommen werden könnten; er hatte jedoch hinzugefügt, daß er „kein Unmensch sei“. Dönitz glaubte ihn richtig zu verstehen. Die schwerste Entscheidung war, ob er die Forderung, daß Kriegsgerät nicht vernichtet werden dürfe, annehmen, und vor allem, ob er sie durchführen solle. Das OKW trat dafür ein, daß er die Vernichtung anordnen solle. Aber Dönitz ließ sich von dem Gesichtspunkt leiten, daß ein solcher Vertragsbruch die soldatische Ehre mehr verletze, als ein Nachgeben es tun würde, daß er außerdem den Kapitulationsvertrag gefährde, an den sich dann auch Montgomery nicht mehr zu halten brauche. Das Verbot der Waffenzerstörung wurde mit einer Ausnahme von der Truppe befolgt: die Besatzungen der U-Boote vernichteten ohne Wissen des Großadmirals ihre Boote in der Nacht vom 4. zum 5. Mai. Sie glaubten mit diesem Tun dem wahren Willen ihres Admirals zu entsprechen.

Friedeburg hatte den ersten Teil seiner Aufgabe gelöst. Beim zweiten, Teil – Eisenhower die Teilkapitulation des ganzen Westens anzubieten – scheiterte er. Am 6. Mai früh kam die Nachricht, daß Eisenhower sich nicht auf eine Teilkapitulation einlasse, sondern eine sofortige Kapitulation an allen Fronten verlange; die deutschen Truppen hätten in ihren gegenwärtigen Stellungen zu verbleiben. Das war ein harter Schlag. Die Forderung war unannehmbar, weil ihre Befolgung die Osttruppen den Russen ausgeliefert und damit eines der Hauptziele Dönitz’ zunichte gemacht hätte. Sie war undurchführbar, weil die Soldaten an der Ostfront einen Befehl, die Waffen niederzulegen und stehenzubleiben, einfach nicht befolgt hätten, die Alliierten dann aber dem OKW den Bruch des Kapitulationsvertrags hätten vorwerfen können. Dönitz entschloß sich, Jodl in das Hauptquartier Eisenhowers zu entsenden und ihm das Dilemma offen darzulegen. Bedell Smith, der Chef des Stabes Eisenhowers und spätere amerikanische Botschafter in Moskau, geht in seinem Buch von der Ansicht aus, die Nazis hätten selbst nach Hitlers Selbstmord ihre Versuche, die alliierte Einigkeit zu stören und den einen Verbündeten gegen den anderen auszuspielen, nicht aufgegeben. Ihr letzter derartiger Versuch sei der Vorschlag gewesen, vor den Briten und Amerikanern, nicht aber vor den Russen, die Waffen zu strecken. Dönitz hat die Illusion, die alliierte Koalition noch erschüttern zu können, nicht gehabt. Die Teilkapitulation entsprang also nicht der Absicht, die Alliierten zu spalten, sondern einer Notwendigkeit. Die Geschichte der Kriegsgefangenen in Rußland hat inzwischen hinlänglich bewiesen, daß die Einstellung des deutschen Soldaten an der Ostfront begründet war.

Dönitz bevollmächtigte Jodl zur Kapitulation nach Westen, nicht nach Osten. Für den Fall, aber, daß es Jodl nicht gelingen sollte, bei Eisenhower die Teilkapitulation zu erreichen, beauftragte ihn Dönitz, eine Gesamtkapitulation in einer neuartigen Form abzuschließen, nämlich mit einem Anfangs- und einem Endtermin. Der Anfangstermin bedeutete Waffenruhe, aber Bewegungen waren noch erlaubt. Der Schlußtermin beendete auch Bewegungen. Gelang es, eine „Stufenkapitulation“ durchzusetzen, dann wurde die Zeit gewonnen, die nötig war, um Flüchtlinge und Soldaten die Westlinie erreichen zu lassen.

Am 6. Mai trat Jodl seine Fahrt an. Nach dem Bericht, den er später erstattete, wurde die Westkapitulation sofort endgültig abgelehnt. Jodl mußte sich darauf beschränken, bei Eisenhowers Chef des Stabes, Bedell Smith, mit dem er die Verhandlungen führte, auf die „Stufenkapitulation“ mit viertägiger Frist hinzuwirken. Er fand bei dem Stabschef größeres Verständnis als bei dem Oberkommandierenden. Bedell Smith erklärte sich mit dem von Jodl erbetenen Verfahren und auch mit der vorgeschlagenen Frist einverstanden. Aber Eisenhower lehnte die Kapitulation auf dieser Grundlage rundweg ab. Erst nach nochmaligen Vorstellungen nahm Eisenhower schließlich eine Frist von zwei Tagen an, verlangte aber zugleich ultimativ, daß die Deutschen sofort unterschrieben, widrigenfalls er die alliierten Fronten auch gegenüber Personen, die sich einzeln zu ergeben versuchten, schließen und alle Verhandlungen abbrechen würde. Schweren Herzens gab Dönitz die telegrafische Genehmigung an Jodl, die Gesamtkapitulation zu unterzeichnen. Der Anfangstermin war der 7. Mai 00.00 Uhr, der Endtermin der 9. Mai 00.00 Uhr. Zwei Tage Zeit waren gewonnen, um wenigstens einen Großteil der Osttruppen zu retten. Das Ende der Heeresgruppe wurde zum Drama. Wo die Truppen die Demarkationslinie erreichten, sind erhebliche Teile von den Amerikanern am Weitermarsch gehindert und in die russische Kriegsgefangenschaft geschickt worden.