Während noch die Kapitulationsverhandlungen im Gange waren, entschloß sich Dönitz, eine „Geschäftsführende Reichsregierung“ zu bilden und mich mit der Leitung zu betrauen. Himmler versuchte alles nur Erdenkliche, um eine Stellung unter Dönitz zu bekommen. Dönitz aber war nicht gewillt, Himmler in seinen Auftrag zu nehmen. Er teilte ihm am 6. Mai endgültig mit, daß er ihn aller seiner Ämter enthebe. Eine Belastung von Himmler in einer Dienststellung hätte sich nicht mit den Zielen vertragen, die Dönitz bei der Einsetzung der „Geschäftsführenden Reichsregierung“ verfolgte. Ihm kam es darauf an, der Besatzungsmacht für die Umstellung der Kriegs- auf Friedensverhältnisse und für die zu erwartende Notzeit das noch funktionierende Instrument einer zentralen Verwaltung zur Verfügung zu stellen.

Dönitz beauftragte mit der Führung der Geschäfte des Wirtschaftsministers: Speer, des Arbeitsministers: Seldte, des Ernährungsministers: Backe, des Verkehrsministers: Dorpmüller, des Außen- und Finanzministers: mich; er übertrug mir zugleich die Gesamtleitung.

Ahnungslose Männer

Dönitz hat unter dem Eindruck des Nürnberger Prozesses geäußert, er bedaure, Himmler am 6. Mai nicht verhaftet zu haben. Er würde es getan haben, wenn er damals bereits von den Maßnahmen der Menschenvernichtung und den Zuständen in den Konzentrationslagern gewußt hätte. Dönitz war ein Beispiel dafür, wie ahnungslos selbst Männer seiner Stellung blieben. Die Verschleierungsmethoden, die in den Nürnberger Prozessen verschiedene Zeugen, vor allem der SS-Richter Dr. Morgen, in ihrer raffinierten Anlage enthüllten, verbargen auch Männern in leitender Stellung die schreckliche Wahrheit. Den Auslandsnachrichten konnte man oft nicht Glauben schenken. Dönitz hat eine Reihe von Fällen-selbst nachgeprüft, wo Greuelmeldungen des „Feindfunks“ unrichtig waren; so hörte sich zum Beispiel der U-Boot-Kommandant Schulze in Dönitz’ Gesellschaft selbst die Nachricht von seiner KZ-Haft an. Dönitz war sehr beunruhigt durch das in illustrierten Zeitungen des Auslands enthaltene Material, das Friedeburg aus dem Hauptquartier von Montgomery mitbrachte. Als dann in Flensburg ein Schiff mit KZ-Insassen eintraf, dessen Wachmannschaften sich aus dem Staube gemacht hatten und das der Hafenkommandant in einem erschütternden Zustand vorfand, ordnete Dönitz sofort Maßnahmen an, um begangene Verbrechen durch das deutsche Volk selbst aufklären und sühnen zu lassen. Um eine gerechte und gleichmäßige Urteilsfindung zu gewährleisten, erließ er eine Anordnung, in der das Reichsgericht mit der Untersuchung und Aburteilung aller Greueltaten in den Konzentrationslagern beauftragt wurde. Diese Anordnung legte er Eisenhower mit einem eingebenden Bericht und der dringenden Bitte vor, das Reichsgericht alsbald in den Stand zu setzen, die Aufgabe durchzuführen. Dönitz hat keine Antwort erhalten.

In der „Regierung Dönitz“ ist hart gearbeitet worden. Er selbst konnte nicht untätig sein. Bei den primitiven Unterbringungsverhältnissen im Verwaltungsgebäude der Mürwiker Fähnrichschule ließ es sich nicht vermeiden, daß die große Zahl der Besucher Dönitz überschwemmte. Als er sich vor der Flut nicht mehr retten konnte, erließ er eine Anordnung, daß der militärische Strom zu Jodl, der zivile zu mir abgeleitet werden sollte. Am nächsten Morgen um 10 Uhr bestellte mich Dönitz dringend zu sich. Er saß zornig auf seinem roten Sofa, seit zwei Stunden sei er schon da und habe nichts zu tun, wozu er eigentlich noch nütze sei. In den Ressorts wurde, soweit das möglich war, Material gesammelt, die Lage in den einzelnen Verwaltungszweigen in Denkschriften dargestellt, und es wurden Vorschläge ausgearbeitet, welche der alliierten Kommission, die unter Leitung eines amerikanischen und eines englischen Generals in Mürwik eingetroffen war, vorgelegt und mit deren Sachverständigen besprochen werden sollten. Die Arbeit schien sich nicht schlecht anzulassen. Backe legte eine Denkschrift vor, in der Maßnahmen für die Hebung der Produktion und den erforderlichen Zonenausgleich vorgeschlagen wurden zur Vermeidung einer Ernährungskatastrophe; diese ließ sich nach Art und Zeit voraussagen und ist auch später eingetreten. Backes Darstellungen schienen Eindruck zu machen. Er sollte zur unmittelbaren Berichterstattung auf einige Tage in das Hauptquartier zu Eisenhower gebracht werden, flog auch ab, kam aber nicht wieder. Er ist dort, ohne gehört zu werden, hinter Stacheldraht gesetzt worden. Noch eindrucksvoller waren die Ausführungen des alten Dorpmüller. Dieser hielt es für möglich, das Verkehrswesen in sechs Wochen wieder einigermaßen in Gang zu bringen. Er nannte allerdings eine Voraussetzung: man dürfe ihm nicht hineinreden, auch nicht in personeller Hinsicht. Seine Darlegungen erschienen der Kommission so wichtig, daß er ebenfalls zu Eisenhowers Hauptquartier gebracht wurde. Da er gerade erst nach einer schweren Operation aus dem Krankenhaus kam, transportierte ihn ein Lazarettflugzeug. Auch er kehrte nicht wieder. Es ging ihm allerdings besser als Backe; Er wurde unter Bewachung in einem Schlößchen untergebracht, in dem er weiter an seinen Plänen arbeiten konnte. Er fand auch Gehör. Der Verkehrsfachmann, dessen Schaffenskraft trotz Alter und Krankheit ungebrochen war und der durch seine Sachkenntnis und sein Temperament alle Widerstände überwand, erreichte tatsächlich, daß ihm der Auftrag erteilt wurde, den Verkehr wieder in Gang zu bringen. Aber da erkrankte er erneut und starb bald darauf.

Während dieser Arbeiten der Ressorts tauchte immer wieder die Frage auf, ob die Existenz einer deutschen Regierung überhaupt noch notwendig sei und verantwortet werden könne. Mit der Unterzeichnung der Kapitulation hielt Dönitz den Auftrag, den er bekommen hatte, für erfüllt. Bis zur Wiederherstellung geordneter Zustände wollte er jedoch noch im Amt bleiben. Dann sollte das deutsche Volk in freier Wahl sein Staatsoberhaupt bestimmen.

Die Russen treffen ein

Dönitz gab sich über die Dauer seiner Regierung und die Schwäche seiner Stellung keinen Täuschungen hin. Er hatte keinen Zweifel, daß man ihn solange belassen würde, als man seine Autorität für die Durchführung der Kapitulationsbedingungen brauchte. Es scheint, als habe man, vor allem auf englischer Seite, in den ersten Tagen nach dem Zusammenbruch ernsthaft an eine Zusammenarbeit mit der Regierung Dönitz gedacht. Nach dem 15. Mai trat eine merkbare Änderung in dem Verhalten der Besatzungsstellen ein. Der Feldmarschall Busch wurde bei einer Besprechung mit Montgomery schroffer empfangen als wenige Tage vorher Friedeburg. Der Wandel schien mit einer Begegnung zusammenzuhängen, die Eisenhower und Montgomery am 15. Mai mit Churchill hatten. Dönitz zog daraus den Schluß, daß die Entscheidung über das Schicksal seiner Regierung getroffen sei, daß nur noch das Wie und das Wann offenstehe. Er wurde in dieser Mutmaßung durch die außerordentlich heftigen Angriffe bestärkt, die damals der russische Rundfunk gegen die Regierung Dönitz zu erheben begann. Da die Angriffe hauptsächlich die Methode der Teilkapitulation betrafen, wodurch zahlreiche Gefangene dem russischen Zugriff entzogen worden seien, ergab sich der Eindruck, daß man den Sack schlug, aber den Esel meinte. Man griff Dönitz an und meinte Montgomery, dem die Sowjets das Eingehen auf Dönitz’ Vorschläge schwer verdacht hatten. Dönitz war klar, daß der englisch-russischen Freundschaft, die damals noch keine Trübung erfahren durfte, ein Opfer gebracht werden mußte. Das Opfer konnte nach Lage der Dinge nur seine Regierung sein. Am 17. Mai traf eine russische Kontrollkommission ein. Sie wohnte auf einem Schiff, das neben der „Patria“ lag, auf der die englisch-amerikanische Kommission untergebracht war. Die Russen verlangten alsbald von den Deutschen die gleichen Auskünfte und schriftlichen Unterlagen, wie sie ihre Alliierten bekommen hatten. Das außerordentliche Interesse, das man auf der „Patria“ an den deutschen Besuchen auf dem Nachbarschiff nahm, ließ vermuten, daß wir bald vor der – russischen Wißbegierde in Sicherheit gebracht werden würden. Das Wann war in greifbare Nähe gerückt. Als daher am 22. Mai Dönitz die Aufforderung erhielt, sich mit Jodl und Friedeburg am nächsten Morgen auf der „Patria“ einzufinden, war es klar, was die Glocke geschlagen hatte. Die Uhr für die Regierung Dönitz war abgelaufen. Die Verhaftung auf der „Patria“ spielte sich in korrekten Formen ab. Bei den übrigen Mitgliedern des OKW und der Geschäftsführenden Reichsregierung wurde den zahlreichen zu diesem Zweck herbeigeeilten Photographen, Presse- und Filmleuten ein Spectacalum geboten. Militärpolizei, Infanterie und Panzer waren aufgeboten, um die Deutschen in Haft zu nehmen. Nachdem sie im Gebäude sich nackt hatten ausziehen müssen und ihnen alle Papiere und Wertgegenstände weggenommen worden waren, die sie trotz wiederholter Eingaben nie wiederbekamen, mußten sie sich im Hof mit im Nacken verschränkten Armen dem Kreuzfeuer der Photographen stellen. Friedeburg, der auf der Rückfahrt von der „Patria“ Zeuge dieser Szene wurde, nahm unter ihrem Eindruck Gift.