Voilà un homme!“ sagte Napoleon in Erfurt, als er Goethe kennengelernt hatte. Was meinte er mit „komme“? Ein Mensch? Ein Mann? Die jüngste Napoleonforschung hat es herausgefunden: der Kaiser benutzte bei solchen Gelegenheiten gern korsische Kraftausdrücke, und im Korsischen ist „un komme“ soviel wie im Bayrischen „ein Pfundskerl“.

Kerle brauchen nicht männlichen Geschlechts zu sein. Auch von einer Frau und einem Mädchen heißt es, sie sei ein „prächtiger Kerl“, und darin deutet sich, ganz salopp, ein Waffenstillstand im Kampf der Geschlechter an. Wir Männer von heute konzedieren den Frauen nicht nur das, was sie fordern: Anerkennung der gleichen Lebenschancen, sondern wir nehmen sie in den engsten Kreis auf, da wo wir unter uns sind, als „Kerle“. Das ist die letzte Form der Ritterlichkeit: die Frauen nicht mehr fühlen zu lassen, daß sie „das andere Geschlecht“ sind.

Sonst allerdings fehlt noch viel, bis jenes System abgebaut ist, das Simone de Beauvoir mit. atemberaubender Hellsichtigkeit aufreißt: das System der unverbrüchlichen Solidarität der Männer, das auf einem anerzogenen Mehrwertigkeitskomplex begründet ist. Die Frauenbewegung hat hier nur eine Gegenfront aufstellen können, und in der „emanzipierten“ Frau sieht den Mann sein Spiegelbild an: die gleiche Überheblichkeit, die gleiche Herrschlust. „Wie anders wäre alles, wenn wir Frauen regieren würden!“ Das ist das genaue Gegenstück zu der ebenso wahrhaften Überzeugung, daß nur Männer zum Regieren taugen.

Unterdrückung schafft die Wiederkehr des falschen Bewußtseins im Unterdrückten Die weißen Amerikaner sehen sich heute von den Schwarzen als schlechtere Rasse verachtet, und es hätte nicht viel gefehlt, dann wären die Männer des Abendlandes in die gleiche Lage gegenüber den Frauen gekommen. Daran hat nur ein Umstand gehindert: daß nämlich Männer und Frauen sich nicht gut gegenseitig in ein Getto sperren können.

Das geheime Getto ist aber noch da. Simone de Beauvoir schildert mit unerhörtem Scharfblick seine klassische Form: die überlieferte Art der Ehe. Sie ist (seit Ibsen zum mindesten) fragwürdig geworden, in Auflösung begriffen, von modernen Gedanken durchsetzt. Aber haben die Frauen wirklich die Freiheit? Werden sie wirklich, als einzelne im Zusammenleben mit dem einzelnen Mann und als Gesamtheit von der gesamten männlichen Rasse, nicht mehr als unmündig behandelt?

Simone de Beauvoir ist hier sehr skeptisch und zeigt, mit welchen Widerständen gerade die Frauen zu kämpfen haben, die weder bürgerlich noch emanzipiert, sondern eben modern sein möchten, also Menschen und nicht mehr „die anderen“.

Unter den heutigen Männern gibt es solche, die für ihren privaten Anteil an der Herrschaft der Männer fürchten. Sie werden sich an Simone de Beauvoirs Buch grün und gelb ärgern. Diejenigen aber, die geneigt sind, ihre Frau und alle Frauen der Möglichkeit nach als „Pfundskerle“ zu achten und zu behandeln und über der Liebe die Freundschaft nicht zu vergessen, die sie ihnen schulden – sie alle müssen dies Buch sehr genau lesen und sehr ernstlich beherzigen.

Sollten sie Töchter haben, so werden sie daraus überdies eine Menge über deren Erziehung lernen. Lukas Redlich