Belgrad, Anfang November

Es ist gut und nötig, Europa einmal von Südosten her zu sehen, besonders jetzt, da Frankreichs Außenminister Robert Schuman von seinem Kabinett die Genehmigung erhalten hat, in Straßburg im Europa-Rat auf eine baldige Föderation der europäischen Länder zu drängen und zu beantragen, daß ein gesamteuropäisches Parlament sobald wie möglich zusammentreten soll. Dieses starke Drängen mag entstanden sein aus der Enttäuschung darüber, daß die Verhandlungen über den Schuman- wie den Pleven-Plan keine Fortschritte machen, ja, daß für ihre Verwirklichung heute sehr viel geringere Aussichten bestehen als noch vor zwei Monaten. Man hat daher den neuen Schritt des französischen Kabinetts eine Flucht nach vorn genannt. Doch sollte man dies auf keinen Fall in einem absprechenden Sinne tun. Wenn dieser Appell Frankreichs kein Echo findet, wird der Zerfall Europas weiter fortschreiten. Eine Flucht nach vorn also ist die segensreiche Flucht vor diesem Zerfall.

Wir sind viel zu sehr gewohnt, Europa so eng zu denken, daß wir glauben, eine Integrierung von Deutschland und Frankreich sei das Kernproblem bei der Bildung eines vereinten Europa. Das aber ist jene Betrachtungsweise, die ein künftiges Europa als einen saturierten Rentnerstaat sieht und die wir hier immer angegriffen haben. Europa ist nicht ein geographischer Bezirk, den man mit Wall und Mauer umgeben und in dem man dann behütet leben kann. Europa ist ein geistig-kämpferischer Begriff; europäisch denken und europäisch handeln heißt daher offensiv denken und offensiv handeln. Und deshalb wird das Schicksal Europas auch nicht von der Mitte bestimmt, sondern von den Grenzen, an denen gekämpft wird, von den geistigen ebenso wie von den militärischen Grenzen. Daß wir Deutsche hier sofort an unseren Osten und unsere Hauptstadt Berlin denken, ist selbstverständlich. Doch leider starren alle anderen mitteleuropäischen Länder ebenfalls ausschließlich in diese eine Richtung. Und man vergißt, daß Europa noch mehr Grenzen hat, daß es einen Südosten gibt, und daß hier zwei Länder liegen, deren Bewohner Europäer sind und darauf bestehen, Europäer zu sein: Griechenland und Jugoslawien. Es wird jedem, der in Griechenland reist, immer wieder begegnen, daß ihm einfacheLeute in einem Dorfgasthaus, auf einem Marktplatz oder in der Eisenbahn im Gespräch mit freudigem Elan erklären, sie seien sich durchaus dessen bewußt, daß inGriechenland die Wiege des europäischen Geistes gestanden habe. Und kein Serbe, Montenegriner, Kroate, Illyrier oder Slowene würde es hinnehmen, wenn man die Jugoslawen nicht als Europäer ansähe. Das ist ein Fonds von gutem Willen, überden Europa im Südosten verfügt, den man nicht vernachlässigen, sondern den man pflegen sollte.

Der Balkan! Er ist sprichwörtlich geworden als das Pulverfaß Europas. Balkanische Verhältnisse, Balkan Verschwörer, Balkanisierung dies alles sind geläufige Schlagworte, die immer wieder gedankenlos ausgesprochen werden. Doch solche Schlagworte verstellen den Blick auf die tatsächlichen Verhältnisse, auf die heutigen Zustände ebenso wie auf das historische Werden. Sie haben dazu beigetragen, die Bedeutung der Balkanstaaten herabzusetzen, was der geschichtlichen Entwicklung Europas gewiß nicht gut getan hat. Erst heute sind wenigstens zwei von diesen Staaten für die große Politik neu entdeckt worden: Griechenland und Jugoslawien – aber nicht durch Europa, zu dem sie gehören, sondern durch die USA.

Das begann 1947 mit der Truman-Doktrin; Jugoslawien lag damals noch hinter dem Eisernen Vorhang. In den Vereinigten Staaten hatte man begriffen, daß eine Eroberung Griechenlands durch die Kommunisten die Suprematie Sowjetrußlands im Mittelmeer bedeuten würde. Während Bevin zugunsten einer Entwicklung, die Großbritannien zu einem ohnmächtigen Wohlfahrtsstaat machen sollte, die kleine englische Truppenmacht aus Athen zurückziehen ließ, schickten die Amerikaner, sehr viel weniger erfahren und ohne Tradition in der Mittelmeerpolitik, Militärmissionen, Waffen und Geld nach Griechenland und stützten damit das sowjetischen Volk in seinem Kampf gegen die sowjetischen Angreifer. Den siegreichen Abschluß des Kampfes allerdings ermöglichte erst das Ausscheiden Jugoslawiens aus dem sowjetischen Block.

Seitdem haben die Amerikaner ihre Stellung in Athen immer stärker ausgebaut. Hier sehen sie nicht nur die Möglichkeit, vom Peloponnes, den Ägäisehen Inseln, von Kreta und Cypern her das östliche Mittelmeer strategisch zu beherrschen und am Olymp und in Thrazien eine Front aufzubauen, die helfen kann, Istanbul zu verteidigen; sie haben Athen auch zu ihrem Stützpunkt gemacht, von dem aus sie ihre Politik im Nahen Osten leiten. Auch werden hier durch geschickte griechische (Bankiers und Kaufleute die Geschäfte mit Ägypten und Abessinien abgewickelt, die beide Länder nicht gern mit den Vertretern einer so gewaltigen Weltmacht wie es die Vereinigten Staaten sind, direkt abschließen würden. Amerikanische Kriegsschiffe kreuzen im Ägäischen Meer, amerikanische Instruktionsoffiziere bilden die griechische Armee in der neuen Taktik des Westens aus – was man in Griechenland wohl mit Recht kritisiert, weil diese Taktik auf den Krieg in der Ebene und nicht auf den griechischen Krieg in den Bergen abgestellt ist. Auch sonst kritisiert man manches, vor allem, daß sich die Vertreter, die Washington nach Athen entsandt hat, reichlich „römisch“ benehmen, insbesondere in des Ex- und Importausschüssen des Koordinationsministeriums.

In Jugoslawien treten die Amerikaner sehr viel vorsichtiger auf. Ihr dortiger Boschafter, Allan, ist so klug, daß einige seiner europäischen Kollegen ihn für dumm halten. Er weiß, daß die Jugoslawen ein sehr stolzes, sehr ehrliebendes Volk sind, das seine Freiheit traditionsgemäß auch unter dem kommunistischen System über alles stellt. So haben die Amerikaner zwar Hilfe geleistet – und die war nach der entsetzlichen Mißernte des vergangenen Jahres sehr nötig – sie haben auch Anleihen für die Industrie gegeben und die Lieferung schwerer Waffen versprochen, aber sie halten sich völlig davon zurück, sichtbar, wie in Griechenland, in die Politik einzugreifen. Sie bieten ihren Rat an, von dem man wenig Gebrauch macht, und sie überhören es geflissentlich, wenn Marschall Tito aus innerpolitischen Gründen in einer öffentlichen Ansprache Kritik an der amerikanischen Politik übt. Sie zeigen in Belgrad eine Eigenschaft, die sie sonst nicht zu entwickeln pflegen: sie können warten. Sie haben etwas erkannt, was Europa vergessen hat, wie wichtig nämlich – geopolitisch gesehen – dieser europäische Staat Jugoslawien ist. In Belgrad, am Zusammenfluß von Save und Donau, treffen sich nicht nur große nordsüdliche und vestöstliche Wasserstraßen, hier kreuzen sich auch die Wege, die das pontische Becken und die panonische Ebene mit der Lombardei verbinden, mit der Straße Belgrad–Saloniki und der kürzesten Landverbindung zwischen Mitteleuropa und Kleinasien, Belgrad, Nisch, Istanbul.