Das Buch des amerikanischen Gelehrten J. C. Cook „Wer wird morgen leben?“ (vgl. Nr. 38 der „Zeit“) hat eine lebhafte Diskussion in der Öffentlichkeit entfesselt. Es stellt eine düstere Prognose etwa 1985 wird die Bevölkerung der Erde vor dem Hungertode stehen, wenn sie nicht vorher durch Geburtenkontrolle ihrer Fruchtbarkeit strenge Grenzen zieht. Sechs Nobelpreisträger für Biochemie jedoch haben unlängst eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht, die Wissenschaft werde 1985 imstande sein, Nahrung für vier Milliarden Menschen zu garantieren. In diesem Zusammenhang ist die Erklärung des Papstes Pius XII. über die christliche Ehe bedeutsam.

Papst Pius XII. hat dieser Tage eine Erklärung über die christliche Ehe abgegeben, als er vor den Delegierten des Nationalkongresses italienischer. Gynäkologen sprach. Ihre Bedeutung ergibt sich schon aus der Seltenheit solcher päpstlicher Enunziationen: die letzte war die Enzyklika Pius’ XI. aus dem Jahre 1930 „Über die christliche Ehe“, die vorletzte eine Enzyklika Leos XIII. aus dem Jahre 1880. Leo XIII. hatte sein päpstliches Rundschreiben hauptsächlich einer Auseinandersetzung mit der damals bereits in einer Reihe von Ländern eingeführten, vor dem Staat geschlossenen Zivilehe gewidmet, der er die Gottesurheberschaft der christlichen Ehe gegenüberstellte. Pius XI. dagegen legte das Hauptgewicht auf den Inhalt der Ehe, um ihrer Verweltlichung entgegenzutreten, in der er eine tödliche Gefährdung sah. Pius XII., der sich, da er vor den Frauenärzten sprach, in erster Linie mit der Frage der Geburtenkontrolle befaßte, erklärte ausdrücklich, daß die Kirche an der Enzyklika seines Vorgängers Pius XI. und an seiner Verurteilung jeglicher Geburtenkontrolle vollkommen festhalte. Das kirchliche Verbot jeder Art von Empfängnisverhütung werde für alle Zeit wirksam sein, denn es sei nicht eine Vorschrift menschlicher Gesetzgebung, sondern ein Ausdruck des natürlichen und göttlichen Rechts.

Die Grundlage der Haltung der Kirche in dieser Frage ist der Kanon 1013 des kirchlichen Gesetzbuches: „Der Hauptzweck der Ehe ist die Zeugung und Erziehung des Kindes.“ Von diesem Satze geht auch die Enzyklika Pius XI. von 1930 aus, und sie fügt hinzu: „Die christlichen Eltern mögen bedenken, daß es nicht nur ihre Aufgabe ist, für die Erhaltung und Ausbreitung des Menschengeschlechtes auf Erden zu sorgen, ja nicht einmal, nur irgendwelche Verehrer des wahren Gottes heranzuziehen, sondern der Kirche Christi Nachkommenschaft zuzuführen, die Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes zu mehren, damit das dem Dienste Gottes und unseres Erlösers geweihte Volk von Tag zu Tag zunehme.“ Mit diesem Zweck ist natürlich keinerlei Geburtenbeschränkung, sei es aus medizinischen, sozialen, eugenischen oder sonstigen Indikationen vereinbar. Deshalb heißt es in der Enzyklika weiter: „Viele gehen so weit, die Nachkommenschaft eine beschwerliche Ehelast zu nennen und den Rat zu geben, die Eheleute sollten das Kind nicht durch ehrbare Enthaltsamkeit (die mit beiderseitigem Einverständnis auch in der Ehe erlaubt ist), sondern durch die Verkehrung des natürlichen Aktes fernhalten. Solche verbrecherische Freiheit nehmen einige für sich in Anspruch, weil sie aus Widerwillen gegen den Kindersegen die Last vermeiden, aber trotzdem die Lust genießen wollen; andere, weil sie angeblich keine Enthaltsamkeit beobachten, aber auch nicht den Kindersegen zulassen können, da es ihre persönlichen Verhältnisse oder die der Mutter oder die schwierige Vermögenslage nicht gestatten. Aber es gibt keinen auch noch so schwerwiegenden Grund, der etwas innerlich Naturwidriges zu etwas Naturgemäßem und sittlich Gutem machen könnte ...“ Daher: „Jeder Gebrauch der Ehe, bei dessen Vollzug der Akt durch die Willkür der Menschen seiner natürlichen Kraft zur Weckung neuen Lebens beraubt“ wird, verstößt gegen das Gesetz Gottes und der Natur; und die solches tun, beflecken ihr Gewissen mit schwerer Schuld.“

Man wird es aus der Entwicklung des Problems im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte zu verstehen haben, daß Pius XII. in seiner jetzigen Erklärung, die allerdings vor einem besonderen Gremium abgegeben wurde, aber dennoch offenkundig für die katholische Öffentlichkeit bestimmt ist, in seinen Mahnungen sehr viel deutlicher wurde. Vielleicht hat dazu besonders die nun schon in aller Öffentlichkeit (sogar durch den Verkauf von Kalendern) betriebene Propaganda beigetragen, die empfiehlt, sich gewisser Unfruchtbarkeitsrhythmen der Frau zu bedienen um die Empfängnis auszuschalten. Denn der Papst ging auf diese Methode besonders ein, indem er erklärte, daß auch ihr Gebrauch eine Sünde gegen die wahre Natur des Ehelebens ist, wenn er fortgesetzt in der Absicht erfolgt, Schwangerschaften ohne schwerwiegenden Grund auszuschließen.

Papst Pius XII. fügte hinzu, daß hier auch der Arzt eine Aufgabe habe, nämlich die, seinen Patienten zu zeigen, daß die Natur den echten, instinktiven Wunsch gegeben habe und ihn in legitimen ehelichen Beziehungen auch billige, daß aber der Genuß kein Selbstzweck, sondern ein Dienst am Leben sei.

Die Erklärungen des Papstes zeigen mit größter Deutlichkeit die absolute Unveränderlichkeit der Haltung der Kirche zu den Problemen der Ehe. Sie beruht in erster Linie auf den Grundsätzen der Untrennbarkeit, der Pflicht zur Zeugung, des unbedingten Schutzes des keimenden Lebens und der Pflicht und des Rechtes der Eltern zur Erziehung. W. F.