Frank Thieß: Die Straßen des Labyrinths. Roman (Pout Zeulmay Verlag. Hamburg, 660 S., 17,50 DM)

Mit dem Kreis der jungen deutschen Romanciers, die in einer krassen, kriminalistisch und politisch aufgezogenen Handlung ein Gleichnis der Nachkriegszeit und eine Analyse ihrer Werte und Unwerte zu geben versuchen, tritt nun von den älteren, nach Kasimir Edschmid, Frank Thieß in Wettbewerb. Sein „Labyrinth’ – in einem Alpendorf verborgen – hat sehr genau durchgezirkelte Windungen, deren Abschreiten dem Leser minutiöse Geduld zumutet: die bereits geschehene Mordtat an einem Ortsgewaltigen wird von einem Remigrierten Strich für Strich in ihren Motivierungen aufgedeckt. Das ergibt ein Filigran von Besuchen und Gesprächen, ein zögerndes Vortasten zum Saal des (schon getöteten) Minotaurus, eine schleichende Spannung. Thieß zwingt den Puls der Zeit zum Anhalten. Seine Technik ist höchst subtil. Eine Uhr wird auseinandergenommen. Aber das Getriebe ist (wie immer bei Thieß) die Erfindung einer absonderlichen Phantasie. Gehen die jungen Autoren auf das Typische, so kommt Thieß beim Extravaganten an, bei wuchernder Erotik, bei prunkender Verderbtheit und jener Unschuld, die eben gerade im Sumpf erblüht. Aus solchen Romantizismen, klug gesetzt, bildet sich das verfilzte Geschlinge von menschlichen Beziehungen, einem Treibhaus mit Tropenpflanzen ähnlicher als dem kretischen Palast, mehr schwül als entsetzlich. Und selbst der Ariadnefaden ist aus kostbarster Angorawolle, mit Metaphern geziert, an denen Franz von Stuck seine Freude gehabt hätte. Über 1949 ist ein Dekor von später Jugendstilart gespannt, in dem sich die Gefühle mehr kaschieren als aussprechen – mit einer umständlichen Ironie, die dem seines Metiers fast allzu kundigen Erzähler manche Falle stellt.

C. E. L.