Westdeutschlands Textilindustrie hat in den Jahren nach dem Zusammenbruch alle Kräfte eingesetzt, um recht bald den Anschluß an das gewohnte Qualitätsniveau zu finden. Das ist nun gelungen. Nicht aber gelang bisher die zweckmäßige Ausnutzung der Exportchance. Hier wurde der technische Anschluß an die Auslandskonkurrenz oft nicht erreicht, und man wird sich an zuständiger Stelle sehr bald ernsthafte Gedanken darüber machen müssen, wie mittels einer Modernisierung der westdeutschen Textilbetriebe unsere Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt – verbessert werden känn. In Bocholt i. W. haben sich kürzlich führende westdeutsche Textilexperten über diese Frage unterhalten; sie kamen zu der Folgerung, daß mit der Modernisierung wirklich nicht mehr gewartet werden „darf.

Der Leiter des Verbandes der Bekleidungsindustrie, Dr. Curt Becker, rechnet in diesem Jahr mit einer Verdoppelung der Vorjahresausfuhr an genähter Fertigkleidung. Vor dem Kriege war Deutschland darin der wichtigste europäische Exporteur. Jetzt aber gibt es einen nennenswerten deutschen Bekleidungsexport erst wieder seit eineinhalb Jahren. Hauptabsatzgebiete sind die Niederlande, Belgien, die Schweiz, Frankreich und Großbritannien, die 1950 insgesamt 70 v. H. des deutschen Bekleidungsexportes abnahmen. Skandinavien bezog 7,5 v. H., 10 v. H. gingen nach Übersee. Mit 21 v. H. steht die Damen-Oberbekleidung an der Spitze der Exporte; es folgen mit 14 v. H. Herren- und Damenoberkleidung, mit 10,4 v. H. Mieder und Korsetts, mit 9,9 v. H. Berufs- und Sportkleidung, mit 5,3 v. H. Krawatten, mit 4,4 v. H. Wäsche und mit 2,1 v. H. Hüte.

Von sich aus unternimmt die Industrie selbstverständlich alles, um ihren guten Ruf, den sie im Ausland hat, zu festigen und auszubauen. Natürlich wird dabei der ebenso wichtige Inlandsmarkt nicht vergessen – allein schon wegen der Flaute, die im letzten Frühjahr einsetzte und bisher nicht ganz überwunden werden konnte. Die Anstrengungen, die man dabei macht, sind ein Zeichen dafür, wie sehr die führenden Betriebe der westdeutschen Textilindustrie den Wert einer wirksamen Werbung erkannt haben. Wir denken dabei an die Hamburger Textil-Mustermesse, auf der z. B. die Hamburger Herrenkleider-Fabrik Reuss & Küstner mit Sakkos vertreten war, die die bewährten Namen bekannter Automobile trugen: Ford, Horch und u. a. Steyr. Den gleichen Weg ist ein führendes Textilunternehmen Württembergs, die Vollmoeller AG. in Stuttgart-Vaihingen, gegangen. Sie startete ihre Lanova-Jersey-Winterkollektion unter der Bezeichnung schnittiger Automobile des In- und Auslandes und will ohne Zweifel damit beweisen, daß ihr Jersey-Stil auf internationaler Ebene Gültigkeit hat und mit der Sachlichkeit und Eleganz moderner Autos vergleichbar ist. Da gibt es den Trägerrock DKW und u. a. die Kleider Hansa, Lloyd, Ford, Opel und Maybach neben Fiat, Packard, Lincoln, Chrysler, Chevrolet, Simca, Austin oder Cadillac. Natürlich ist, wie sollte es bei der Nähe auch anders sein, der Name Mercedes ebenfalls mit einem Kleid vertreten, wenn die Krönung der Lanova-Kollektion auch das Cocktail-Kleid Alfa Romeo darstellt. Tragen die Kleider repräsentative Autonomen, so wurden Blusen und Pullover nach internationalen Kurorten benannt. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß man für die Rock-Kollektion der Vollmoeller AG. Zigarettennamen wählte: Reemtsma, Overstolz, Juno, Joe, Neuerburg, Muratti, Ova, Zuban, Morris und Lucky sind hier friedlich vereint und wissen nichts von einem Streit zwischen der Virginia- und Orient-Mischung... ww.