Von Michael Terranova

Mit der Aufforderung an seine Männer, sich die Bindfäden enger zu schnüren, um den Hosen einen besseren Halt zu verleihen, begann Leo, der Brigadier, seine morgendliche Ansprache, die er beinahe liebenswürdig zu gestalten vermochte. Die Verbindlichkeit im Wesen des Brigadiers war jedoch keineswegs auf ein etwaiges Wohlleben zurückzuführen, zu dem er auf Grund seiner Stellung berechtigt gewesen wäre – nach den ungeschriebenen Gesetzen der russischen Gefangenenlager. Vielmehr fand dieses Unikum seine Erklärung in der Tatsache, daß der Brigadier Leo einer der Anführer jener Trupps war, die, für keine rechte Arbeit verwendbar, lediglich zum Entleeren der Holzbottich-Toiletten oder zum Sandschaufeln eingesetzt wurden. Da standen in Reih und Glied Studienräte und Wirtschaftsprüfer, Postinspektoren und Primaner in wenig ansprechender Kleidung – doch mit dem Willen, am Leben zu bleiben, wenn nicht durch Brotzulagen und Rubel (die den Handfertigeren dank ihrer sogenannten Spezialistenarbeit sicher waren), dann durch die stillschweigend gebilligten Privilegien: die körperlichen Kräfte nur sehr sparsam zu bemühen und ironisch zu sein oder zu lachen – was das Atmen erleichtert und ausdauernd macht. Solchen Gefangenen Anführer zu sein, war nicht leicht; und es hatte sich herausgestellt, daß am ehesten einer aus ihrer Mitte die Fähigkeit dazu besaß. Darum hatte die Lagerleitung dem Haufen (das war die inoffizielle Bezeichnung der wackeren Männer) empfohlen, sich ihren Brigadier selbst zu wählen.

Leo, ohne darauf zu achten, ob jemand auch seinen hosenhaltenden Bindfaden enger schnürte, verblüffte wieder einmal mit der Feststellung, daß geistige Berufe nicht gefragt wären, und fuhr dann fort: die Brigade solle heute zum Feuerwehrturm marschieren; dort gebe es Arbeit, und mehr wissen zu wollen, stehe keinem zu. Aus diesem Grunde habe er, wie sonst auch, darauf verzichtet, den Arbeitsinspektor, Leutnant Krolenko, um nähere Auskunft zu bitten; überhaupt müsse der Überraschung nicht vorgegriffen werden.

Leo bemühte sich dann vergeblich, ein Vorgesetztengesicht zu machen. Auch dieser Tag ginge vorüber und würde einen Abend haben, erklärte er, drehte sich um, und seine Männer folgten ihm durch das Tor.

Am Feuerwehrturm warteten die Gefangenen zwei Stunden und sahen den Feuerwehrleuten beim Faustballspielen zu. Dann kam einer, den Leo Meister nannte, und diesem Mann trotteten sie eine halbe Stunde lang nach.

Auf einem Freigelände am Rande der Stadt und neben dem Eingang der großen Fabrik stand ein mächtiger Steinsockel. Weit davon entfernt, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, um was es hier denn eigentlich gehen solle, setzten Leo und seine Männer sich mit dem Rücken an den Sockel und blinzelten in die Sonne. „Der halbe Vormittag ist rum, ein guter Tag, heute,“ sagte einer.

Dann ratterte ein Lastauto heran, mit mächtigen weißleuchtenden Steinen beladen. Das könnte Arbeit bedeuten, ließ Leo sich hören. Leos Voraussage traf ein. Es waren Teile des Denkmals, die schnell, schnell (so sagte die Fahrerin energisch) entladen werden sollten.