Der Ärger wegen der „überhöhten“, Kartoffelpreise ist im Abklingen, zumal mittlerweile die Einkellerung im wesentlichen abgeschlossen sein dürfte. Jetzt aber erst meldet sich der „Verband der Kartoffelkaufleute Niedersachsens“, also unseres größten Überschußgebietes für Kartoffeln, um Verwahrung dagegen einzulegen, daß der Handel wieder einmal als Sündenbock hingestellt werden soll. In diesem Zusammenhang spielt ein Aufsatz von Staatssekretär Sonnemann (erschienen in der „Welt“ vom 18. Oktober) eine besondere Rolle. Dort wurde den Preisbehörden empfohlen, zu untersuchen, „ob diese Preise (gemeint sind die Verbraucherpreise) noch in einem. angemessenen Verhältnis zu den Erzeugerpreisen stehen“. Also: Der Herr Staatssekretär wollte offenbar den Fachhandel für das Ansteigen der Preise (auch strafrechtlich ...) verantwortlich machen.

Vom Handel werden dazu verschiedene Feststellungen getroffen. Zunächst: Daß die Bauern (in Niedersachsen, aber nicht nur hier) bis zu einer Regierungsverlautbarung über die Höhe der Kartoffelpreise etwa 5 DM je Zentner für die gängigen Sorten verlange hätten, daß aber danach die Preise auf 5,60 bis 6 DM angestiegen seien, nämlich auf den Stand, der von amtlicher Stelle (bei einem Verbraucherpreis von 7,50 DM) noch als „angemessen“ bezeichnet würde. Leider sei der Regierungssprecher bei späteren Verbandlungen im Ernährungs- und Wirtschaftsministerium nicht anzutreffen gewesen. So müsse der Fachhandel nun also vor der Öffentlichkeit nachweisen, daß mit einer Spanne von 1,50 bis 1,90 D-Mark je Zentner seine Kosten nicht zu decken, geschweige denn Gewinne zu erzielen seien. Hierzu wird nun also eine Kalkulation aufgemacht, wonach die Kosten für Fracht, Entladung, Abfuhr, Sackverschleiß, Schwund (3 v. H.) und Umsatzsteuer je Zentner zwischen 1,80 bis 2,35 DM liegen; dabei sind also die allgemeinen Handlungsunkosten noch nicht einmal berücksichtigt. Diese wären aus der (sogenannten) Verdienstspanne zu decken, die früher mit 30 bis 70 Pf je Zentner als angemessen angesehen wurde, während man sich heute mit 30 Pf bescheiden müsse... wenn überhaupt noch eine solche Spanne zu erreichen sei. „Der Handel hat eine Überprüfung seiner Spannen nicht zu fürchten“, so hieß es. Hoffentlich fühlt sich nun eines der beteiligten Ministerien in Hannover auch veranlaßt, die Rechnung zu prüfen – und den beteiligten Fachkreisen nachträglich zu attestieren, daß nicht ihnen die hohen Preise zur Last zu legen waren... Daß der Handel an Preisen interessiert ist, die der letzte Abnehmer als „recht und billig“ empfindet, darf man ihm wohl glauben: das bedeutet ein leichtes Geschäft, ohne viel ärgerliches Gerede und auch ohne größere Risiken.

In der Pressebesprechung der Kartoffelkaufleute, über die unser hannoverscher Korrespondent uns berichtete, wurde noch, gesagt, daß die Bauern jetzt „recht liquide“ sind und ihre Verpflichtungen (z. B. aus dem Futtermittel- und Düngemittelgeschäft) vielfach unaufgefordert abdecken. Das ist nicht weiter verwunderlich bei dem Preisstand, wie er nun für die „preisgebundenen“ und insbesondere auch für die „marktfreien“ landwirtschaftlichen Erzeugnisse gilt – nahezu auf der ganzen. Linie gilt. Wenn man nicht wüßte, wie hoch die Verbrauchereinkommen im letzten Jahre faktisch gestiegen sind – trotz aller Klagen über unzureichende Löhne (und soziale Leistungen) –, dann wäre es allerdings ein rechtes Wunder, daß sich trotz des ständig steigenden Angebots die Schweinepreise bisher so gut gehalten haben. Schweinefleisch, Wurst und Speck sind ja nun einmal keine Waren des „gehobenen Verbrauchs“, sondern typisch für den „Massenkonsum“: in einem so ausgeprägten Maße, daß sie geradezu als Index hierfür gelten können. Man sollte sich also, die Dinge von einem gesamtwirtschaftlichen Standpunkte aus betrachtend, darüber freuen, daß soviel an „Massenkaufkraft“ vorhanden ist, wie es die Preise für Schweine (und übrigens auch für Einlagerungskartoffeln!) erkennen lassen. Es ist schließlich den Bauern zu gönnen, daß sie dadurch eine „breite Konjunktur“, mit recht guten Einnahmen, haben. Bekannt ist ja die Abhängigkeit der Kartoffelvon den Schweinepreisen; wenn und solange die Kartoffel günstig als Mastfutter zu verwerten. ist, bleiben auch die Eßkartoffeln relativ teuer. In diesem Herbst kamen die Einwirkungen des günstigen Wetters noch als marktbestimmenden Faktor mit hinzu: solange die Feldarbeit auf vollen Touren läuft, fehlt es den Bauern an Zeit, Kartoffeln zu sortieren und dem Handel (oder dem Verbraucher) anzuliefern.

Wenn die zuständigen Bonner Behörden meinen, daß der hohe Schweinepreis wieder einmal zuviel Brotgetreide in den Futtertrog wandern läßt, was im Hinblick auf Reservehaltung, Einfuhrbedarf und Devisenbilanz bedenklich erscheinen könnte, so wird niemand etwas dagegen einzuwenden haben, daß nun mit marktkonformen Mitteln ein Preisdruck auf die Schweinemärkte ausgeübt wird: sei es durch zeitweilige Aufhebung der Zollsätze für Schweine (wenn so die ausländische Konkurrenz preisregulierend in Erscheinung zu treten verspricht), sei es durch stärkeres Angebot relativ billiger Futtermittel (so man hat). Aber: völlig verfehlt erscheint es uns, wenn nun das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft eingreift, um (durch Verbot? durch „Empfehlungen“ mit verbotsartiger Wirkung? – darüber war noch keine völlige Klarheit zu gewinnen) die Ausfuhr an „Schweine-, Fertigfabrikaten“, also speziell an Dosenschinken nach England, Dosenwürstchen nach den USA, zu inhibieren. Schweine herein, und Schinken hinaus! – Das ist die richtige Parole; das bringt Arbeit und Verdienst und Devisen: man nennt dergleichen „aktiven Veredlungsverkehr“ (falls in Bonn diese Vokabel noch nicht bekannt sein sollte). Warum pflegt und fördert Bonn dieses Geschäft nicht? Angesichts des Vorgehens unseres Ernährungsministers darf man da wohl (aus einem alten Krippenspiel) die schöne Stelle zitieren, wo es heißt: „Bruder Niklas, was tust du Seltsames?“ K. D. / G. K.