In Malaia herrscht Krieg. Es geht um Tod und Leben auf beiden Seiten. Die Zahlen, die das britische Kolonialministerium soeben über. Malaia veröffentlicht hat, sprechen eine deutliche Sprache. Die Verluste der Po1izeiverbände und der zivilen Bevölkerung im Dschungelkrieg beliefen sich im letzten Jahr auf 940 Tote, 894 Verwundete und 106 Vermißte, die von den Terroristen verschleppt wurden.

Vierundzwanzig Stunden, bevor kürzlich der Mord an dem englischen Hohen Kommissar, Sir Henry Gurney, die Blicke der Welt auf Malaia zog, war in allen: Kinos in Singapur auf Befehl der Engländer der Film „Operation Aushungern“ angelaufen. Dieser Film sollte den Malaien zeigen, daß die englischen Behörden fest entschlössest sind, die Aufständischen mit allen Mitteln – einschließlich einer planmäßigen Aushungerung – bis Ende dieses Jahres auszurotten.

Der Schöpfer dieses englischen Kolonialplans Ist Generalleutnant Sir Harold Briggs. Das Kernstück des „Briggs-Plans“ war die Umsiedelung von 450 000 chinesischen Siedlern, die – über das ganze Land verstreut – in kleinen Siedlungen im Dschungel lebten. Beinahe zwei Drittel dieser Chinesen sind inzwischen in 280 neuen Niederlassungen untergebracht worden, wo sie während des Tages ihrer Arbeit als Bauern, Handwerker oder Händler nachgehen können, während sie nach Einbruch des Dunkelheit durch Stacheldrahtverhaue und Beobachtungstürme von der Außenwelt hermetisch abgeschlossen sind: Sir Harold Briggs hofft auf diese kostspielige Weise, die der Regierung Malaias bisher 75 Millionen Straits-Dollar gekostet hat, die Nachschubquellen der Aufständischen zu verstopfen. Dieser Erfolg hat sich jedoch bisher nicht eingestellt. Deshalb griffen die Engländer zum letzten Mittel, sie versuchen, die Aufständischen auszuhungern. Durch schärfste Kontrollen aller Verkäufe von Nahrungsmitteln, Medikamenten und Bekleidung sowie durch Überwachung des gesamten Transportverkehrs auf den Straßen hoffen sie, die Aufständischen lahmzulegen.

Der Kampf im Malaia zwischen den 3000 bis 5000 Aktivisten der „Befreiungsarmee“ einerseits, die von den auf. 50 000 geschätzten Mitläufern der „Volksbewegung“ heimlich unterstützt werden, und den zwanzig Bataillonen, englischer Truppen andererseits, die mit einheimischen Militär- und Polizeistreitkräften in Höhe von 100 000 Mann zusammenarbeiten, nimmt ständige an Schärfe zu. Die „Befreiungsarmee“ wird von dem Generalsekretär der Kommunistischen Partei in Malaia, dem 35jährigen Tschen Ping, geführt. Der in Malaia geborene Chinese, der eine gute Schulbildung erhalten hat, zeichnete sich, während des letzten Weltkrieges als Führer der antijapanischen Guerillaeinheiten im Staate Perak aus. Hier sammelte er im Guerillakrieg alle jene Erfahrungen, die er nun seit drei. Jahren mit sichtbarem Erfolg gegen die englische Kolonialmacht anwendet. Tschen vermeidet dabei jede: größere Berührung mit dem ihm zahlen- und bewaffnungsmäßig weit überlegend: Feind. Nebender „Befreiungsarmee“ gibt es noch, bewaffnete: mobile Einheiten, der „Volksbewegung“ in Stärke von 30 bis 35 Mann, die in besonderen Fällen- als „Attentat-Kommandos“ eingesetzt werden. Die Aktion gegen den englischen Hoheit Kommissar Sir Henry Gurney ist wahrscheinlich von einer dieser Sondereinheiten durchgeführt worden. Ein solcher Kampf führe natürlich auf beiden Seiten zu immer größerer Erbitterung, und die Dorf- und Stadtbewohner ziehen sich – was sie auch immer tun mögen – die Vergeltungsmaßnahmen einer der beiden Seiten zu. Wird in Kuala Lumpur bekannt, daß ein Ort die Aufständischen durch Lieferung von Waren-, irgendwelcher Art unterstützt hat, so werden seine Einwohner Kollektiv in Strafe genommen. Weigert sich dagegen eine Ortschaft, die Aufständischen zu unterstützen, so „bestrafen“ diese selbst die Einwohner dadurch, daß sie einen im Ort lebenden Engländer oder Staatsangestellten ermorden. Ein solcher Mord hat automatisch Vergeltungsmaßnahmen der Regierung, oder der englischen Militärbehörde zur Folge, die, wie im Falle des Dorfes Jenderam, zur vollständigen Vernichtung des Ortes führen können

Dieser Dschungelkrieg, der der englischen und malaiischen Regierung monatlich eine Million Pfund kostet, hat sich inzwischen zu; einem offiziellen Streit zwischen London und Peiping entwickelt, weil die englischen Behörden in Malaia zwangsweise Chinesen deportieren; Alle vierzehn Tage geht ein Schiff mit Ausgewiesenen nach Kanton. Elf tausend sind bereits auf diesem Wege abgeschoben worden, weitere achttausend befinden sich in malaiischen Ausweisungslagern. Die Deportierten haben nach ihrer Ankunft in Kanton den chinesischen Behörden von der „brutalen“ Behandlung durch die englischen Dienststellen in Malaia berichtet. Woraufhin dann die Regierung in Peiping eine Kommission beauftragte, die geschilderten Greueltaten an Ort und Stelle zuuntersuchen. Da die englische Regierung dieser Kommission jedoch die Einreisegenehmigung nicht erteilte, beschäftigt sich jene Kommission jetzt mit der propagandistischen Auswertung der Aussagen der Deportierten, wodurch das ohnehin gespannte chinesisch-englische Verhältnis eine weitere Belastung erfährt.

Die Ermordung des englischen Hohen Kommissars Sir Henry Gurney wird zu weiteren drakonischen Vergeltungsmaßnahmen führen, die von den Aufständischen mit neuen Attentaten beantwortet werden. Ein Ende dieses mörderischen Dschungelkrieges scheint noch in weiter Ferne zu liegen. Ernst Krüger