Die Stellung der Frau in der geschichtlich faßbaren Welt ist vom Mann bestimmt worden, nicht nur praktisch, sondern auch weltanschaulich. Wein man von „der Frau“ spricht, sieht man sie als Produkt des patriarchalischen Zeitalters; sie ist „die andere“, ihr Geschlecht „das andere“. Die Frau nun, die es übernommen hat, das Werden und den Bestand dieses anderen Geschlechtes in seiner Ganzheit darzustellen – Simone de Beauvoir –, hat ihrem Werk im Original den Titel „Le deuxième Sexe“ gegeben. Das hat seinen besonderen Sinn, nämlich einen abwertenden und zweitrangigen. Nicht zufällig wird an mehreren Stellen des Textes die Stellung der Frau mit der von Negern in USA., mit Farbigen im Empire und so weiter verglichen: „Gleichheit unter Wahrung des Unterschiedes“, eine Formel, die für die Schwarzen in Nordamerika geprägt worden ist.

Dies als eine Art Grundformel vorausgesetzt, wäre zunächst zu sagen, daß die Gründlichkeit der Arbeit der Autorin und ihr Umfang hohen Respekt abnötigt. Die medizinisch-biologischen Kenntnisse der Verfasserin werden höchstens noch von ihrer Versiertheit in der psychologischen, psycho-analytischen und natürlich existentialistischen Literatur übertroffen. Aber auch in Geschichte und Theologie, insbesondere der Mystik, erweist sie sich als beschlagen, und ihre literaturkritischen Analysen von Stendhal und Claudel, Breton, Lawrence und der mit Schwefelsäure geschriebenen Montherlants erweisen sich als kleine Kabinettstücke.

Es wäre falsch, Simone de Beauvoir als „Feministin“ zu bezeichnen. Sie ist es so wie jede denkende Frau es sein muß, die Form und Folgen des patriarchalischen Zeitalters erlebt und erleidet. Insbesondere ihre sozialen Anklagen sind scharf und – berechtigt. Die Ausnutzung der weiblichen Arbeitskraft, die Einseitigkeit der männlichen Gesetzgebung, beispielsweise die Heuchelei der Abtreibungsparagraphen („die gleichen Männer schützen so besorgt den Embryo, die nicht zögern, Millionen Menschen dem Krieg zu opfern“) und anderer Sittencodices werden ebenso schonungslos beleuchtet wie die sexuelle Brutalität der Mehrzahl der Männer. Die Darstellung etwa der Rolle, die das Christentum mit seiner kaum faßlichen Vereinigung von Madonnenkult, Erniedrigung der Frau als Geschlechtswesen und Verzückung der Mystikerinnen spielt, ist ungewöhnlich eindrucksvoll. Ebenso die nicht neue, jedoch hier besonders eindrucksvoll geschilderte, auch heute noch nicht überwundene Gegensätzlichkeit männlichen und weiblichen Lebens, des Wartens und des Tuns der inhaltlichen Diskrepanz, die darin liegt, daß Liebe, Ehe und Familie für den Mann ein Teilziel, für die Frau die Ganzheit des Lebens bedeuten. In immer neuen Zusammenhängen wird der Nachweis geführt, daß bisher „der Mann als Mensch, die Frau als das dazugehörige Weibchen“ definiert. wurde: „Sobald sie sich als Mensch beträgt, heißt es, sie ahme den Mann nach.“ Der Autorin gelingen außer guten Formulierungen auch überraschende neue Deutungen, so wenn sie als den schlimmsten Fluch, der auf der Frau lastet, ihren Ausschluß aus kriegerischen Unternehmungen erklärt: „Nicht indem er sein Leben hergibt, sondern indem er es wagt, erhebt der Mensch sich über das Tier; deshalb genießt innerhalb der Menschheit das höchste Ansehen nicht das Geschlecht, das gebiert, sondern das tötende Geschlecht.“ Daß die Verfasserin mit einer Reihe von fables convenues und Vorurteilen (wie dem absoluten Glück der Mutter- wie auch der Kindschaft) aufzuräumen weiß, versteht sich. am Rande. Daß sie, wie schon erwähnt, keine Feministin ist, erweist die klug wägende Art, wie sie dem männlichen Impuls, die Frau als ewiges Kind zu sehen und zu behandeln, den weiblichen Wunschtraum entgegenstellt, sich als „Baby“, als „Kleines“ behütet, beschützt und verwöhnt zu wissen; wie sie auch, ohne Erbarmen gegen ihre Geschlechtsgenossinnen, die Schikanen, ja seelischen Torturen zu schildern versteht, mit der die inhaltlose, törichte Frau (meist der Bourgeoisie) dem Ehemann das Leben zur Hölle macht.

Was gegen das Buch einzuwenden ist, das ist die bis zur Ausschließlichkeit wichtige Rolle, die Simone de Beauvoir ungeachtet ihrer ausgesprochenen Ablehnung des „Freudschen Sexual-Monismus“ dem Sexus in der Beziehung zwischen Mann, und Frau zuerkennt. Niemand wird heute mehr leugnen, daß unzähliges Eheunglück auf dem Fehlen sexueller Harmonie, unzähliges Frauenunglück auf der durch den Partner verschuldeten Frigidität beruht. Aber schließlich gibt es in jeder Rasse und Nation ganz normale Menschen beiderlei Geschlechtes, die, ohne Hemmungen und Komplexe zu besitzen, sexuell nicht übermäßig bedürftig sind, ganz abgesehen von der Tatsache der Umwandlung des Hormonsystems im höheren Lebensalter, das die Daseinsform ändert. Von diesem Teil der Menschheit und der Ehen wird überhaupt nicht gesprochen. Selbst wenn man die soziologische Aufgabe der Ehe, zu der schließlich auch die Hervorbringung von Kindern und die Liebe zu ihnen gehört, als unwesentlich betrachten sollte, so bleibt schließlich noch das Band geistiger Interessen. Es muß gar nicht immer Geistiges sein. Wenn die Autorin an einer Stelle auf den Gegensatz hinweist, der darin liegt, daß der junge Mann auf den Liebesakt dränge, das Mädchen diesen aber mit Einladungen zu Tanz, Kino, gemeinsamem Essen verbrämt, wenn nicht erkauft wissen wolle, so übersieht sie, daß der junge Mann meist genau so gern mit seiner Freundin Tanz, Sport, Theater und andere gemeinsamen Unternehmungen teilt wie diese selbst. Die Wichtigkeit seelischer und geistiger Übereinstimmung und gegenseitiger Anregung bleibt gewiß ein Privileg höher entwickelter Schichten. Aber die daraus folgende Zusammengehörigkeit etwa als bloße „Kameradschaft“ zu klassifizieren, die mit dem Inhalt der Ehe nichts zu tun habe, wäre genau so einseitig, wie andererseits die Ableugnung von Wichtigkeit und Gewalt des Sexus.

Die Möglichkeiten der Befreiung können im letzten Teil des Buches nur flüchtig behandelt werden. Die Menschheit ist weniger Gattung und Natur als ein geschichtliches Werden, und dieses Werden arbeitet offenbar jetzt zugunsten der Frau. Die Ehe scheint, mag man dagegen sagen, was man will, in ihrer heutigen Form im Absterben begriffen. Die Arbeit, wie sie heute von Frauen geleistet wird, ist der wichtigste Faktor der Entwicklung. „Durch die Arbeit hat die Frau größtenteils den Abstand überwunden, der sie vom Manne trennt. Arbeit allein vermag ihr eine konkrete Freiheit zu garantieren. Sowie sie ihr Parasitentum aufgibt, bricht das System, das sich auf ihre Abhängigkeit gründete, zusammen. Zwischen ihr und dem Universum braucht es dann keinen männlichen Mittler mehr.“ Der Rest liegt beim Mann, er ist eine Frage der Einstellung. „Wenn sie sich dazu herbeiließen, statt einer Sklavin eine Ebenbürtige zu lieben – was übrigens unter ihnen solche tun, die keine Arroganz und keinen Minderwertigkeitskomplex kennen –, fühlten sich die Frauen viel weniger von der Sorge um ihr. Frauentum verfolgt.“ Simone de Beauvoir ist natürlich klug genug zu wissen, daß die unausbleibliche Entwicklung auch eine Verarmung, ein Verblassen des „Geheimnisses“ mit sich bringen wird. Aber „wenn es endlich für jedes Menschenwesen möglich sein wird, seinen Stolz jenseits der geschlechtlichen Differenzierung in die schwierige Gloriole seiner freien Existenz zu setzen, erst dann wird die Frau ihre Geschichte, ihre Probleme, ihre Zweifel, ihre Hoffnungen mit denen der Menschheit vereinen können. Erst dann wird sie in ihrem Leben wie in ihren Werken versuchen können, die ganze Wirklichkeit und nicht nur ihre Person zu enthüllen.“ Martha Maria Gehrke