Zweiundzwanzig Hamburger Studenten sollen vor den Kadi. Die Staatsanwaltschaft der Hansestadt hat ihnen die Anklageschrift überreicht, Auf siebzehn Seiten werden dort die akademischen Untaten geschildert. Die Studenten hatten vor einem halben Jahr an einem Protestzug teilgenommen, den hanseatische Hüter der Ordnung mit Gummiknüppeln und Wasserstrahlen zu sprengen suchten. Die Studenten hatten für verbilligte Schülermonatskarten demonstriert. „Landfriedensbruch! Versuchter Aufruhr! Übertretung des Bannmeilegesetzes!“ so heißt das in der Anklage.

Es führt, so scheint es, ein gerader Weg von – dem Kommando „Stab frei“, das bei jener Demonstration das Signal zum polizeilichen Dreinschlagen war, bis zu der Anklageschrift im Namen des Rechts, die jetzt 22 Studenten vor die Schranken des Gerichts bringen soll. Was das Wort „frei“ im Deutschen nicht alles bedeuten kann, überlegte man damals. Was „im Namen des Rechts“ nicht alles geschehen kann, fragt man sich heute. Und auf diesem Weg von der Freiheit des Knüppels bis zum Recht des Staates geschahen eine Reihe bemerkenswerter Vorfälle,

Es begann damit, daß der ehrwürdige Senat der Freien und Hansestadt der Polizei für ihren „tatkräftigen Einsatz“ ein öffentliches Lob erteilte. Wenig später entdeckte das Rathaus auf geheimnisvolle Weise, daß „radikale politische Elemente die Drahtzieher der Demonstration waren. Dann eignete sich die Kriminalpolizei den Film eines Bildberichters an, mit einer List, die die Frage „kriminal oder kriminell“ aufdrängte. Und schließlich wurden auch noch etwaige Zeugen gründlich eingeschüchtert.

Der Allgemeine Studentenausschuß der Universität Hamburg hatte die Kommilitonen gebeten, Berichte über die Demonstration einzureichen. Schon wenig später aber mußte der ASTA öffentlich in einem Rundschreiben warben; „Der Staatsanwaltschaft ist es nicht möglich, die von ihr erbetene schriftliche Zusicherung zu geben, daß die Demonstranten auf Grund ihrer Protokolle nicht zur Rechenschaft gezogen werden...“Die Staatsanwaltschaft erklärt dazu: „Das ist juristisch völlig einwandfrei.“ Professor Ipsen, Staatsrechtler an der Universität, meint hingegen: „Das ist eindeutig Nötigung...“

Ob Recht oder Nötigung –: Fest steht, daß diese Maßnahme Erfolg hatte. Die Zeugenaussagen blieben aus. Da ist beispielsweise eine junge Studentin, die bezeugen kann, wie Polizisten auf eine am Boden liegende Kollegin einschlugen. Aber sie hütet sich, eine Aussage zu machen. Sie fürchtet Schwierigkeiten für ihren Vater. Der ist Beamter. Und da ist beispielsweise ein junger Jura-Student, der gesehen hat, wie ein Polizist seinen Kommilitonen ins Gesicht schlug, nur weil der ihn nach seiner Dienstnummer gefragt hatte. Aber er hütet sich, eine Aussage zu machen, Er hat ein Stipendium.

Die vom Hamburger Rathaus ausgegebene Parole der „politischen Drahtzieher“ ist von der Staatsanwaltschaft nicht in die Anklage übernommen worden. Dennoch schwebt sie wie eine dunkle Wolke über den Angeklagten. Denn von den 22 Studenten ist einer Kommunist. 21 zu 1, das ist eine Relation, die Hamburg bei seinen Bürgerschaftswahlen nie erreicht hat. Unglücklicherweise möchte nur der kommunistische Student auch gern von einem kommunistischen Anwalt verteidigt werden, und die übrigen 21 sind überzeugt, daß dieser Genossen-Anwalt über sie alle Unheil bringen würde. Zur Zeit werden daher Verhandlungen zwischen Studenten und KPD geführt, damit der kommunistische Anwalt nicht in Erscheinung tritt. Und es scheint, als zeige sich die KPD einsichtsvoller, als die angeklagten Studenten es von ihrem Gericht erwarteten.

Wer am 10. Mai dieses Jahres miterlebte, wie die Hamburger Polizei die Studenten-Demonstration brutal auseinandertrieb, brauchte kein Jünger des Rechts, zu sein, um zu wünschen, daß dieses blutige Schauspiel ein gerichtliches Nachspiel haben möge. Nun, nach einem halben Jahr, ist es da. Aber mit welchem Vorzeichen: 22 Studenten sitzen auf der Anklagebank, und von den 31 Zeugen der Staatsanwaltschaft sind 30 – noch einmal dreißig! – Polizisten.

Als kürzlich ein Vertreter des Hamburger Studentenausschusses dem Bürgermeister der Hansestadt diese Tatsachen darlegte, da war die Antwort: „Aber mein Lieber. Ganz ausgeschlossen, Wir leben doch in einem Rechtsstaat.“ – „Aber Herr Bürgermeister so kolportiert man dies auf der Universität, wo man mehr Humor hat als im Hamburger Senat, „gar nicht ausgeschlossen. Wir leben nämlich in einem Linksstaat.“