Die Galerie der Jugend in Hamburg zeigt gegenwärtig unter dem Motto „Moderne Bilder für moderne Büros eine Kollektion neuer Gemälde und Aquarelle norddeutscher Maler. Die Ausstellung soll „eine Brücke zwischen Wirtschaft und Künstlerschaft schlagen“. Der Leiter der Galerie meint, es stehe im Widerspruch zu der „aufgeschlossenen, kultivierten Gesinnung“ des Hamburger Kaufmannes, daß die Wände seiner Büroräume entweder leer oder mit belanglosen, unkünstlerischen Bildern geschmückt seien. Die Erklärung hierfür sei nur darin zu suchen, daß „die verantwortlichen Persönlichkeiten in den Betrieben viel zu beschäftigt sind, um in mühevollem Suchen die geeigneten Bilder in ihrer Verborgenheit zu entdecken“.

Viele der eingeladenen Direktoren und Firmeninhaber haben sich inzwischen durch diese Worte bewegen lassen, in die „Verborgenheit“ einzudringen und der Ausstellung einen Besuch abzustatten. Sie sahen anständige, qualitätsvolle. Arbeiten, durchweg Landschaften von in Hamburg lebenden Künstlern wie H. H. Hagedorn, Ivo Hauptmann, Tom Hops, Kronenberg, Graf Merveldt, Skodlerak und Spars. Ein Kaufmann wählte dabei mit seiner Familie Bilder für seine Büros aus; ein bekannter Reeder erwarb eine Anzahl von Gemälden für sein Privatkontor und zur Ausschmückung von Kabinen eines Schiffsneubaues; der Besitzer eines großen Zeitungsverlages kaufte ein Aquarell. Bei diesen und den meisten anderen bisherigen Käufern handelt es sich um Leute, die ohnehin ein positives Verhältnis zur Gegenwartskunst besitzen.

Aber auch viele „unvoreingenommene“ Betrachter kommen in die Ausstellung, in der übrigens nicht ein einziges abstraktes oder auch nur „gegenstandsfernes“ Bild hängt. Die meisten dieser Besucher sind guten Willens, und man hat den Eindruck, daß sie durchaus ein Bild kaufen würden, wenn sie nur eins finden könnten, das ihnen gefällt. Doch sie suchen vergebens. Sie sind sozusagen „verhinderte Mäzene“, die mit Ausdrücken wie „Aber das entspricht doch nicht der Natur!“, „Was soll ich denn daraus ersehen!“ oder „Sie halten mich sicher für einen Banausen, aber ich verstehe das nicht!“ durch die Galerie gehen. Die Höflichkeit verlangt, daß man dem letzten dieser Sätze nicht zustimmt, man kann höchstens vorsichtig zu erklären versuchen, daß es vielleicht gar nicht darauf ankommt, Bilder zu verstehen. Picasso habe gesagt: „Jeder will Kunst verstehen. Warum versucht man nicht, den Gesang der Vögel zu verstehen? Warum liebt man die Nacht, die Blumen, alles um uns herum, ohne zu versuchen, es zu verstehen? Aber im Falle der Malerei müssen die Leute unbedingt verstehen. Wenn sie nur vor allem einmal begreifen wollten, daß der Künstler aus innerer Notwendigkeit arbeitet, daß er selbst nur ein winziger Teil der Welt ist, und daß man ihm keine größere Bedeutung beimessen sollte als tausend anderen Dingen, die uns in der Welt gefallen, ohne daß wir sie erklären können.“

Aber solche Worte nützen nicht viel. Man muß feststellen, daß die moderne Malerei heute auch in den gebildeten Kreisen keinesfalls populär ist. Das scheint kennzeichnenderweise schon der Fall zu sein, seit sie mit der Erfindung der Photographie mehr und mehr die Aufgabe des Abbildens, des Schilderns verloren hat. Der Publikumsgeschmack lehnt bereits die Impressionisten ab. Von Münchener Kunstausstellungen aus den Jahren, als dieser Geschmack der offizielle war, wissen wir, wie eine Malerei aussehen müßte, die ihm entspricht.

Wo aber sollen die modernen Bilder hängen, wenn nicht in den Häusern derjenigen, die sich leisten können, sie zu kaufen? Andererseits fragt sich, ob sie stilistisch eigentlich noch in irgendwelche bewohnten Räume passen. Daß die moderne Kunst in ihrer angewandten Form (in der Gebrauchsgraphik und im Kunstgewerbe) weitgehend akzeptiert wird, steht außer Zweifel. Sollte vielleicht die Zeit des Tafelbildes vorbei sein? Es ist noch nicht so sehr alt – etwa sieben Jahrhunderte; die Malerei aber Jahrtausende.

H. J. Hansen