UNO-Vollversammlung 1951 ... Mit welcher Marschroute und mit was für Absichten mag Wyschinski und die 86 Mann starke Sowjetdelegation diesmal nach Paris gekommen sein? Es ist immer die gleiche besorgte und ein wenig indignierte Frage, mit der man dem alljährlichen Beginn der Generalversammlung entgegensieht. Allein diesmal müßten noch weitere Fragen be-

antwortet werden, ehe es möglich wäre, in Umrissen aufzuzeigen, was wir zu erwarten haben. Welche Haltung wird der Außenminister der neuen englischen Regierung einnehmen? Wird Churchill, wie viele vorausgesagt haben, versuchen, neue Viererbesprechungen einzuleiten oder gar ein Tête-à-tête mit Stalin vorbereiten wollen? Wird er der Illusion erliegen, große

Männer, wenn sie unter sich sind, kämen rascher zum Ziel als alle Konferenzen, oder wird unter seiner Führung der Begriff der Realpolitik zur Herrschaft gelangen? Und was wäre in der gegenwärtigen Situation eigentlich Realpolitik: Konzessionen, wie damals bei der britischen Anerkennung Rotchinas oder der Entschluß, sich auf gar nichts einzulassen, so wie die Amerikaner es in San Franzisko mit dem japanischen Friedensvertrag gemacht haben?

Die Franzosen würden zweifellos jeden Versuch, ein neues Ost-West-Gespräch in Gang zu bringen, unterstützen, ganz gleich, von welcher Seite es angeregt wird, und in Amerika wird man sich an der Schwelle eines Wahljahres nicht den Vorwurf zuziehen wollen, die Möglichkeiten einer Verständigung nicht restlos ausgeschöpft zu haben. Und was schließlich die Sowjets angeht, so müßten sie sich eigentlich sagen, daß ihre Methode, Politik mit dem Kommißstiefel zu machen, sich nicht sonderlich gewährt hat. Sie hat dazu geführt, die gesamte Welt in Harnisch zu bringen, und heute bereits zeigt sich, daß Moskau das Tempo der westlichen Rüstung nicht durchhalten kann. Was läge also näher als eine Schwenkung um 180 Grad? Zumal die Sowjets, gelänge es ihnen, einen langfristigen Pakt zu schließen, zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen würden: der Rüstungsvorsprung des Westens würde gestoppt und voraussichtlich zunichte gemacht, und die amerikanische Wirtschaft würde während der Umstellung von Kriegs- auf Friedensproduktion mindestens zeitweilig in eine peinliche Krise geraten.

Freilich wäre es diesmal mit Redensarten und Friedensresolutionen nicht getan. Diesmal müßte Moskau schon sehr handgreifliche Beweise einer dauerhaften Friedensliebe geben, wenn die Westmächte sich auf irgendwelche Abmachungen einlassen sollen. Vielleicht aber ist die Haltung der SED-Regierung in der Ostzone der erste Beweis für die Bereitschaft zu wirklichen Konzessionen. Und auch in Korea und Österreich hätten die Sowjets reichlich Gelegenheit, die Ernsthaftigkeit ihrer Bemühungen zu beweisen, ohne daß es sie allzuviel kostete. Auf dem kommunistischen Weltfriedensrat in Wien wird bereits nur noch von allgemeiner Abrüstung und einem Fünfmächte-Friedenspakt gesprochen, während Ilja Ehrenburg beteuert, daß die Sowjetunion nur einen Wunsch habe, mit USA in Frieden zu leben.

Es ist also wieder einmal alles offen, und es läßt sich in all dieser Ungewißheit mit Sicherheit nur eines feststellen, daß nämlich alle Beschlüsse, die Deutschland betreffen, nun wieder weiter hinausgeschoben werden, denn niemand will die Dinge präjudizieren, ehe sich nicht gezeigt hat, wie der Hase in Paris läuft. Und eben darum waren die Versprechungen des Kanzlers, seine Verhandlungen mit den Alliierten kämen in diesen Tagen zu endgültigen Resultaten, ebenso trügerisch wie Ende voriger Woche die Verheißung Grotewohls, er werde der Volkskammer sensationelle Vorschläge unterbreiten. Dff.