Dortmund, Anfang November

Die zwangsläufige Überfremdung des deutschen Theaterspielplans ist nicht durch Uraufführungen zu regulieren. Wohl aber verspricht der Rückgriff auf abgelegte Werke manchen Bund. So bedeutet die Wiederbegegnung mit dem Dramatiker Stefan Zweig fast eine Neuentdeckung. Solange der Romancier und seine historischen Biographien das Lesepublikum beherrschten, durfte man Zweigs deutsche Nachdichtungen von Komödien Ben Jonsons als Nebenwerke registrieren („Volpone“, „Die schweigsame Frau“). Zu unrecht freilich galt die Huldigung an Kainz („Der verwandelte Komödiant“), die soeben in Bonn ihre unverminderte Wirkung bestätigte, als Zeugnis einer reinen L’art pour l’art-Gesinnung. Daß der feinfühlig nachempfindende Literat des Psychologismus eine seherische Gabe hatte, belegen vor allem zwei dramatische Arheitern „Jeremias“ und „Das Lamm des Armen“. Die biblischen Fresken um den jüdischen Propheten erwiesen sich als eine Vision unserer Zeit, deren Tiefblick bei einem gestrafften Aufführungsversuch in Düsseldorf vor einigen Monaten erst bestürzend deutlich wurde. Jetzt wiederholte sich diese Erfahrung, als in Dortmund die durchaus bühnengemäße Tragikomödie um Napoleon, „Das Lamm des Armen“, zum ersten Male seit 1933 wieder auf einer deutschen Bühne erschien, Der Dortmunder Intendant P. Walter Jacob war der berufene Mittler; denn auf der von ihm in Buenos Aires geleiteten deutschen Bühne wurde dieses 1929 geschriebene Stück dem am Leben verzweifelnden Dichter kurz vor dessen Tode noch einmal vorgespielt.

Es handelt sich um eine historische Episode: General Bonaparte stiehlt während des ägyptischen Feldzugs seinem Leutnant Fourès die Frau und schickt den ihm blind ergebenen Mann auf Dienstreise. Feinspürig entwickelt Zweig das Phänomen der Macht als persönliche Ausstrahlung auf den Mann, der marschiert, wohin ihm befohlen wird, wie auf die Frau, die sich dem Bann der Person nicht widersetzen kann, obwohl ihr Gewissen sie verurteilt. Nach der Erkenntnis des Raubes, der an dem Menschen Fourés begangen wurde, erweist sich jedoch das Rechtsgefühl stärker als Gehorsam und Verehrung für „Größe“. Fourés geht den Weg des Rebellen, entlarvt die Macht als Diebstahl. Aber in einem Gespräch mit dem Polizeiminister Fouché muß der Leutnant erkennen, daß der private Aufstand aus dem Einzelnen nur eine lächerliche Figur macht, daß über das Recht und die persönliche Freiheit, wenn sie keine institutionelle Sicherung mehr genießen, der diktatorische Apparat mühelos triumphiert. gedenkt man, daß dies 1929 geschrieben wurde, dann begreift man den Abschied Zweigs von einer Welt, über die er am Tage seines freiwilligen Todes, am 2. Februar 1942 in der brasilianischen Stadt Petropolis, die erschütternden letzten Worte niederschrieb: „Die Welt, in der meine Muttersprache gesprochen wird, hat sich für mich verdüstert, und Europa, meine geistige Heimat, zerfleischt sich selbst.“

Das tragische Relief der Napoleon-Komödie wird in ihrem allegorischen Titel angedeutet. Dem „Lamm des Armen“ ist in der Buchausgabe das Bibelwort vorangestellt: „Wer da hat, dem wird gegeben werden, daß er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird genommen, auch was er hatte.“ Zweigs Tragikomödie weitet sich vom historischen Beispiel zum zeitlos aktuellen Thema von der Fragwürdigkeit des geschichtlichen Erfolgs, der „die matten Seelen der Mitläufer anzieht“. Das Stück zerstört im Namen der „Heiligkeit jedes einzelnen Lebens“ die Legende einer „Größe“, die Macht ohne Moral häuft. Es klagt zugleich die Sklaven an, die (wie schon Tacitus bemerkte) sich freiwillig unter das Joch stellen und sich begeistert en die Knechtschaft stürzen.

Daß manches in dieser Tragikomödie dem Expressionismus verhaftet bleibt, daß die Dialektik nicht überall in dramatische Aktion umgesetzt wird, verschlägt wenig angesichts einer für heutige Verhältnisse ungewöhnlichen Beherrschung des dramaturgischen Handwerks im Szenenbau und Dialog. In Dortmund fand diese verdienstliche Ausgrabung eine straff geformte, von der überlegenen Hand Hesso Hubers darstellerisch differenzierte, von Hans Ulrich Schmückle szenisch originell disponierte Aufführung den betroffenen Beifall eines verblüfften Publikums.

Johannes Jacobi

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