Autoren zwischen Bericht und Dichtung – Das Dilemma der deutschen Bücher vom Ostkrieg / Von Paul Hühnerfeld

Remarque hat seinen Roman „Im Westen nichts Neues“ als ein Mann geschrieben, den der Krieg auf dem Gewissen hatte, „auch wenn, er seinen Granaten entkam.“ Denn der erste große Krieg hatte nicht nur die politische Struktur der Welt, sondern den einzelnen Menschen verändert. Aus der herbstlichen Wärme des alten Europa überfiel die jungen Leute auf den Schlachtfeldern die Kälte der neuen Zeit. Das Ende des Abendlandes ist deshalb nicht nur Spenglers, sondern das Thema fast jeden jungen Europäers geworden, der den Schlachtfeldern entkam.

Der Frontsoldat des zweiten Weltkrieges verließ ein anderes Europa, um in den Krieg zu ziehen. Sein Leben war nicht mehr eingebettet in die Kontinuität einer fast von selbst ablaufenden Geschichte; jeder kam aus dem Ungewissen (das durch mancherlei Illusionen freilich – wie die vom tausendjährigen Reich – bisweilen verdeckt wurde) und ging ins Ungewisse. Die Frontsoldaten des letzten Krieges hielten nicht mehr soviel von der Welt wie ihre Vorgänger. So sind sie – im Gegensatz zum Frontkämpfer Remarque – dem Krieg auch tatsächlich entkommen, wenn sie seinen Granaten entkamen.

Das wird deutlich sichtbar in den Büchern, die jetzt über diesen Krieg erscheinen. Vergeblich sucht man die Leidenschaft des Jahrgangs 1899 aus „Im Westen nichts Neues“, vergeblich sucht man die unerbittliche Anklage aus Ludwig Renns „Krieg“, vergeblich sucht man jene fanatische Entschlossenheit, die in diesen Büchern den „Krieg an sich“ am Schopf zu packen glaubte und ihn mit erhobener Hand vor den Leser hielt, damit er sich an der Vernichtung dieses blutigen Gesellen durch den Geist beteilige. – Geblieben ist nur die exakte Beschreibung der Sache Krieg. Aber beschreiben heißt auch hinnehmen. Die Autoren der deutschen Kriegsbücher von heute glauben, daß die Bekämpfung des Krieges durch den Geist einer großen Illusion entsprang.

Nicht nur der Literat wird die Entlarvung dieser Illusion bedauern. Denn ohne sie haftet den Kriegsbüchern, die hier betrachtet werden sollen, etwas innerlich Monotones an; nicht daß sie in ihrem äußeren Ablauf nicht spannend wären – eher im Gegenteil: aber hinter dieser Spannung ist kein Engagement des Schriftstellers zu finden – höchstens die grausame Lust, zu protokollieren. Deshalb können diese Bücher schon ihrem Wesen nach keine Dichtung sein, wie gut sie auch im einzelnen geschrieben sein mögen. Und deshalb kommen sie im Letzten über eine zwar bemerkenswerte, aber doch vordergründige Phänomenologie des Krieges nicht hinaus. Es ergibt sich das Paradoxon, daß Autoren wie Remarque, Renn und aus dem zweitenWeltkrieg der Amerikaner Norman Mailer, obwohl sie es mit den Tatsachen nicht so genau halten, doch den Krieg an sich besser in den Griff bekommen als die Protokollführer von heute.

Hat Curt Hohoff dies Paradoxon schon während des Schreibens an seinem Buch „Woina – Woina“ (Krieg – Krieg, bei Eugen Dietrichs in Düsseldorf erschienen) bemerkt? Und sollte er deshalb versucht haben, in seinen Tagebuchblättern noch nachträglich durch die Haut des Phänomens Krieg ins Ding an sich zu stechen? Damit der Verfasser aber genau versteht, was gemeint ist, sei das, was wir meinen, in der Terminologie Heideggers ausgedrückt (denn Hohoff kennt Heidegger, wir erfahren es im Buch beiläufig an mehreren Stellen): sollte er sich also bemüht haben-, das Sein Krieg durch die vielen kleinen seienden Ingredienzen Krieg nachträglich zu entschleiern?

Wenn er es wollte, so ist es mißlungen. Das Buch wird überall da peinlich, wo es mit dem Vokabularium des deutschen Intellektuellen von Leute (wichtigstes Bildungsgut: Marx, Spengler, Heidegger) dem Krieg zu Leibe rückt. Da stellt ich nämlich heraus, daß dieser blutige Bursche gegen Marx’ Sozialismus, Spenglers Hypothesen und Heideggers Ontologie immun ist – erst recht, wenn sie nicht von den Autoren selbst, sondern von Epigonen angewandt werden.