Die Begriffe haben sich verwirrt. Wir reden offensichtlich in verschiedenen Zungen und verstehen einander nicht mehr, auch wenn wir alle noch die gleiche Sprache sprechen. Ganz wie einst beim Turmbau zu Babel. In letzter Zeit hat zum Beispiel die Diskussion über den Amateur im Sport und den Berufssportler wieder einmal die Gemüter heftig in Wallung gebracht. Doch alles Gerede ist überflüssig, ehe man sich nicht darüber einig ist, was Sport eigentlich bedeutet.

Darüber gehen die Meinungen nun schon sehr weit auseinander, so daß es gar kein Wunder ist, daß man sich auch nicht über die Frage „Amateur – Profi“ einigen kann. Denn erst muß einmal Klarheit über den Grundbegriff selbst herrschen. Fragen wir zunächst die klassischen Nachschlagewerke. Der Duden sagt lediglich: Spiel, Leibesübungen, Liebhaberei. Keysers Fremdwörterlexikon definiert etwas ausführlicher so: jede aus Freude an der Überwindung von Schwierigkeiten unternommene Tätigkeit. Andere Lexika sprechen von der Ausübung einer körperlichen Tätigkeit, von einem Kampf Mann gegen Mann oder Mannschaft gegen Mannschaft nach bestimmten strengen Regeln. Schließlich legt zusätzlich jedermann noch nach seinen eigenen Wünschen den Begriff „Sport“ aus. Carl Diem sagt „Sport ist Kampf“, Hans Geisow meinte, Sport heißt „Rekordidee“, Otto Peltzer hält ihn für einen Weg zur natürlichen Menschwerdung. Und vor gerade vierzig Jahren deutete der damals berühmte Dermatologe Professor Dr. O. Lassar im „Berliner Lokalanzeiger“ den Sport so: „Sport ist die Ausübung einer Beschäftigung um ihrer selbst willen, die edelste Form einer vornehmen Weltanschauung ... aber gleich für alle, ein ausgleichendes Element im materiellen Wettstreit...“

Versuchen auch wir uns einmal. Ferdinand Hüppe, ein großer Hochschuldozent, in jungen Jahren Mitarbeiter Robert Kochs, später der erste Vorsitzende des neuen Deutschen Fußball-Bundes, glaubt das heutige Wort „Sport“ schon in der gotischen Ulfilasbibel mit spaurds = Kampfspiel gefunden zu haben. Aber es ging doch aus dem Englischen in fast alle Kultursprachen über. Jedoch kam es ursprünglich vom französischen disport, und man verstand darunter: Belustigung, Erholung, Zeitvertreib geistiger wie körperlicher Art. Disport wird von dem Zeitwort desporter hergeleitet. Rabelais wandte es folgendermaßen an: „Se desportaient es près et jouaient à la balle“ (Sie vergnügten sich auf den Wiesen beim Ballspielen). Chaucer, der Vater der englischen Dichtung, gebraucht es im XIV. Jahrhundert im gleichen Sinne, wenn er von einem Knaben spricht, der zu seinem desport auf dem Dorfanger spielte. Das italienische diporto = Vergnügen, Erholung ist desselben Stammes.

Kann es nach dieser Sprachdeutung noch einen Zweifel darüber geben, was also Sport wirklich ist? Doch weiter nichts als eine Freizeitgestaltung, die dem durch einseitige Arbeit spezialisierten Menschen das Gefühl der Ausgeglichenheit und Ganzheit seines Wesens zurückgeben soll. Alles Lebensbejahende und Frohe soll die Freizeit umfassen, sie soll eine Quelle der Lebensfreude und Gesundheit sein.

Nun hat man mit den Jahren den Begriff Sport, immer weiter gezogen, und es fällt außerordentlich schwer, ihn genau zu definieren. Automatisch versteht man heute darunter alle Arten von Leibesübungen, die Geschicklichkeit und Gewandtheit, Mut und Entschlossenheit, Kraft und Schnelligkeit und vieles andere mehr verlangen. Zur Freizeitgestaltung gehören aber auch das Schachspiel und der Skat und demgemäß möchten auch die Anhänger dieser beiden Spiele (und noch viele andere dazu) ihre Passion als Sport anerkannt sehen. Mit welchem Recht könnte man ihnen ihre Wünsche abschlagen? Wenn irgendeine Beschäftigung ein disport, eine Belustigung, eine Erholung oder ein Zeitvertreib ist, bei der gleichzeitig auch in irgendeiner Weise gekämpft wird, soll man sie ruhig als Sport gelten lassen.

Es wäre selbstverständlich völlig nutzlos vertane Zeit, wollte man nun für den „Sport“, der als bezahlte Arbeit verrichtet wird, einen anderen Namen suchen. Man sollte sich nur immer darüber klar sein, daß ein Sportler für seine Leistung Geld erhält, ist nicht aus dem Wesen des Sports an sich – wohl aber durch die moderne Gesellschaftsordnung zu erklären, in der es schön lange für den einzelnen unmöglich geworden ist, sich sportlich zu betätigen. Denn kein Staat der Welt könnte soviel Sportplätze bauen ...

Walther F. Kleffel