J. B. Wien, Anfang November

Österreich ist ein merkwürdiger „Wohlfahrtsstaat“. Die soziale Gesetzgebung sei, so wird erklärt, die beste und umfassendste in Europa. Leider ist der Reallohn aber kleiner als in den westlichen Nachbarländern, wobei der Arbeiter noch verhältnismäßig günstig, der Festbesoldete in höheren Rangstufen dagegen sehr schlecht abschneidet. Die Planwirtschaftler sind auf der ganzen Linie im Angriff. Die Niederlage der britischen Labour-Party hat den Ambitionen fürs erste nun allerdings einen psychologischen Halt geboten; im anderen Falle hätte man wohl die Forderungen bis zum Unerfüllbaren gesteigert.

Die wirtschaftliche Situation in Österreich ist labil und im bösen Sinne, dynamisch Die Preis-Lohn-Dekrete haben keine Beruhigung gebracht; die anbefohlenen Relationen befriedigen nicht. Man ist so weit, wie man am Anfang war, nur hat sich die Kaufkraft des Schilling auf etwa ein Achtel von 1945 „verdünnt“. Der festgehaltene Wechselkurs bringt den Exporteur in Preisnot; er verlangt einen immer größeren Anteil der eingebrachten Devisen zum innerbetrieblichen Kostenausgleich, und es entwickeln sich neben dem offiziellen Kurs auf diese Weise eine Legion von Sonderkursen.

Damit die Inflation nicht weitergreife, hat die gewerbliche Wirtschaft einen Preisstop angeboten und dafür einen Lohnstop verlangt. Dieses Stillhalte-Angebot ist nicht ganz uneigennützig, denn man fürchtet, daß gut verdienende Betriebe unbegrenzte Lohnforderungen aus Angst vor Streiks hinnehmen und dann, alle anderen Branchen nachgezogen werden. Die Gewerkschaften verlangen aber die Senkung der Preise für Fleisch, Textilien, Holz, die Stabilisierung aller anderen Preise und dazu eine strenge Preisüberwachung. Diese soll aber nicht der wirtschaftlichen Selbstverwaltung und einigen staatlichen Stellen überlassen bleiben. Man; hofft sicherlich durch Einschaltung der Gewerkschaften und Arbeiterkammern zu einer Art Mitbestimmung zu kommen. Außerdem fordert man die volle Bewirtschaftung für Fleisch und hat wahrscheinlich weitere Forderungen in Vorbereitung.

Im propagandistischen Kampfe macht man dabei einen bemerkenswerten Dreh: Schuld sei die Marktwirtschaft – obwohl für jeden Einsichtigen deutlich erkennbar ist, daß gerade die Störungen der Marktwirtschaft durch die Zwangswirtschaftlichen Eingriffe in der Form von Lohn-Preis-Abkommen den Wirrwarr, die spekulativen Exzesse und die inflationistische Folgewirkung verursacht haben. Seit Beginn des Krieges in Korea sind die Lebenshaltungskosten um 40,5 v. H. gestiegen. Die Schwäche der Preis-Lohn-Abkommen besteht darin, daß man zwar die dekretierten Preiserhöhungen durch vorberechnete Lohn- und Gehaltsaufschläge abgelten kann. Diese Mehrlöhne wirken aber selbst wieder preiserhöhend weiter. Es ist also das System des Indexlohnes, wobei bisher die generelle Regelung in Abständen von ungefähr einem Jahr erfolgte. In der Zwischenzeit bleiben die Löhne immer hinter den Preisen zurück. Man hat also eine Aushilfsmethode (die in anderen Ländern dann angewendet wurde, wenn die Geldentwertung bereits zur galoppierenden Schwindsucht geworden war) ohne zwingende Notwendigkeit bei normalem Wirtschafts-Verlauf eingesetzt und dadurch jene Inflationierung bewirkt, die man eigentlich hatte vermeiden wollen.

Es ist nun nicht recht ersichtlich, was auf den Preis- und Lohnstop – wenn er gelingt! – folgen soll. Man hat diese Atempause von vornherein bis Jahresende befristet. Es nimmt aber niemand an, daß dann etwa die Preise fallen werden. So wird der Stop zur Hortungsgarantie. Die Nationalbank sucht durch Kreditbeschrän-Wagen; dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Vom Einsatz des klassischen Mittels einer Diskonterhöhung hat man bis jetzt nichts gehört (Bankrate zur Zeit 3 1/2 v. H., Zinsfuß für Spareinlagen 2 v. H., Kosten; für kommerzielle Kredite bei 10 v. H.). Es ist auch nicht einzusehen, wie eine Zinserhöhung um 1 oder 2 oder auch 3 v. H. den Sparer, locken und den Borger schrecken könnte, wenn man nach den jüngsten Erfahrungen mit einer jährlichen Geldentwertung von 30 bis 40 v. H. rechnen muß. Alle finanzpolitischen Absichten sind zum Scheitern verurteilt, wenn man Vollbeschäftigung um jeden Preis erhalten will. Dies ist aber die Maxime der Sozialisten. Sie setzen allen marktwirtschaftlichen Rezepten ihre planwirtschaftliche Doktrin entgegen. Dabei sind sie in der günstigen Lage, für den großen Konzern der verstaatlichten Betriebe, die Exerzierfelder ihres Prinzips, vorerst keine genaue Rechnung legen zu müssen. Die Substanz wurde übernommen, Reserven für die Entschädigung der Erstbesitzer wurden, bisher nicht geschaffen, die Bilanzen, arbeiten mit alten, also unterkapitalisierten Werten. So kann man die Abschreibungen und damit die kalkulatorischen Gegenwerte für den Substanzverzehr fast nach Belieben einsetzen, und leicht scheinaktiv arbeiten.