W. Buenos Aires, im November

Bei Betrachtung der derzeitigen Wirtschaftslage zeichnen sich zwei Faktoren ab: der zweite Fünfjahresplan und die Inflation. Dieser zweite Fünfjahresplan sieht die Schaffung einer Schwerindustrie vor, die bisher seitens der Regierung nicht berücksichtigt worden war. Der mit der Durchführung dieser Pläne verbundene Materialbedarf, vom Werkzeug bis zu rollendem Material, wird bedeutend sein. In diesem Zusammenhang wird besonders die einheimische Bergbau-Industrie gefördert werden. Die Erfassung der Bodenschätze und deren Verwertung ist für das Gelingen des Planes von ausschlaggebender Bedeutung. Für die zur erweiterten Ausbeutung erforderlichen einzuführenden Materialien sollen Genehmigungen bevorzugt erteilt werden. Die nationale Industrie erfährt allerdings weitgehenden Schutz und Unterstützung. Die Kohlenförderung soll bis 1955 eine Minimumproduktion von 2 Mill. t und damit die Ausschaltung von Einfuhren herbeiführen. Im gleichen Rahmen bewegen sich die Planungen für Erdgas und Erdöl. Auch die Atomkraft soll in den Dienst der Sache gestellt werden. Die Experimente der praktischen Verwertung sind soweit vorgeschritten, daß die Regierung die Errichtung einer Atomkraftanlage in Bariloche bekanntgab.

Ein wesentlicher Teil der Einfuhren an Maschinen, Spezialwerkzeugen und unter anderem Chemikalien wird über die staatliche Ein- und Ausfuhr-Gesellschaft; die „IAPI“, geleitet werden. Da die USA bereits heute in einer Reihe von Erzeugnissen nicht exportfähig sind oder sehr, ausgedehnte Lieferfristen brauchen? bieten sich für die deutsche Industrie vielseitige Möglichkeiten. Ein nicht leicht zu lösendes Problem stellt die Personalfrage dar. Die geplante Errichtung von Werften, Flugzeugfabriken und sonstigen Unternehmungen bedingt Techniker, Chemiker, Facharbeiter, die nicht in ausreichendem Maße vorhanden sind. Die Schaffung von neuen Fachschulen wurde in Angriff genommen. Sie werden aber im besten Fall erst im Laufe von vielen Jahren zur Lösung dieser Frage beitragen können.

Die inflationistische Tendenz hat weiter angehalten, und es muß befürchtet werden, daß sie in den kommenden Monaten eine weitere Akzentuierung erfährt. Die Dollarreserven sind zwar gestiegen, aber auch die Inanspruchnahme wuchs, so daß strengste Haushaltung nach wie vor erforderlich ist. Die Handelsverträge der letzten Zeit, wie z. B. mit Österreich, weisen einen erheblich größeren Umfang auf. Es muß angenommen werden, daß ein gesteigerter Export unter den bisher günstigen Umständen den kommenden Devisenbedarf nicht wird decken können, so daß mit den Handelsverträgen parallel laufende Kreditverträge unvermeidlich sein werden. Im Binnenhandel treten die Inflationserscheinungen sehr störend auf, besonders bei Importwaren. Die Regierung versucht mit scharfen Maßnahmen gegen Preiswucher durch die Festsetzung von Höchstpreisen (sogar für Spielwaren, allerdings ergebnislos) vorzugehen, wobei neben Geld- auch Freiheitsstrafen angedroht werden.