Dr. Hans Ledwinka, einer der bedeutendsten Autokonstrukteure, kehrte nach sechsjähriger Haft in tschechischen Kerkern im Alter von 73 Jahren in seine österreichische Heimat zurück.

Wien, im November

Ein alter Herr sitzt uns gegenüber, schwere Leiden haben sein Gesicht zerfurcht und seinen Körper zerschlagen. Das Sprechen fällt ihm schwer. Im Jahre 1897, erst neunzehnjährig, hat Hans Ledwinka am Bau des ersten österreichischen Kraftwagens mitgearbeitet und als technischer Zentraldirektor der Nesseldorfer Autofabrik in Böhmen gewirkt. 1916 war er maßgebend am Anlaufen der Kraftwagenproduktion der Steuerwerke beteiligt. 1921 ging er nach Nesseldorf zurück und unter dem neuen Firmennamen „Tatra“ konstruiert er schon Anfang der Zwanzigerjahre den Zweizylinderwagen „Tatra 12“ mit dem luftgekühlten Boxermotor, aus dem er später den Vierzylinder mit Heckmotor entwickelt, der als erster die Stromlinienform verwendet. Kurz vor Beginn des zweiten Weltkrieges stellte er den ersten luftgekühlten Dieselmotor für die schweren 10-Tonnen-Lkw. her, die besonders bei der Deutschen Wehrmacht viel Verwendung fanden. Obwohl Ledwinka sich niemals um Politik kümmerte, machte Hitler ihn zum Wehrwirtschaftsführer. Und das sollte ihm zum Verhängnis werden.

Bis zum Kriegsende hielt Ledwinka trotz seines hohen Alters unermüdlich auf seinem Posten aus. Er wollte sein Werk nicht im Stich lassen. So wurde er verhaftet. Man schleppte den Siebenundsechzigjährigen von Untersuchung zu Untersuchung, von Verhör zu Verhör. Er wurde schikaniert und geschlagen. Er wurde zu niedrigsten Arbeiten kommandiert... Dann steht er vor den Richtern. Verbrechen gegen die tschechische Nation, gegen die Sicherheit der Republik, Unterstützung der Deutschen Wehrmacht zahlt die Anklageschrift auf. Fünf Richter bemühen sich, ihm diese Verbrechen nachzuweisen. Aus allen Teilen der Tschechoslowakei kommen die Zeugen. Alle Zeugenaussagen lauten für ihn günstig. Fünfmal wird er freigesprochen, von sämtlichen Anklagepunkten; Aber der Staatsanwalt legt Berufung ein. Und dann wird es klar: Es geht hier nicht um den „Kriegsverbrecher“, sondern um den Konstrukteur. Man will ihn nicht freilassen. Man will den bekannten Techniker, dessen Bedeutung man in Prag selbst in diesen von Haß verzerrten Zeiten wohl erkannt hat, für sich gewinnen – oder wenigstens verhindern, daß er seine Kenntnisse im Ausland verwertet. Schließlich lautet das Urteil auf sechs Jahre Zuchthaus – Befehl des Industrieministeriums. Wegen Lieferung von Kraftwagen an den Landesfeind! Vier Tage brauchen sie, um die endgültige Formulierung zu finden. Am 6. Juni 1945 beginnt die Strafzeit.

Die Bemühungen, Ledwinka für sich zu gewinnen, setzen bald ein. Man versucht – direkte Intervention des Ministers – ihm goldene Brücken zu schlagen. Zwei Drittel seiner Strafzeit sollen ihm erlassen werden, wenn er einen Vertrag unterschreibt, in einem Prager Ingenieurbüro als technischer Berater mitzuarbeiten. Neutitschein, Trautenau, Nikolsburg sind die Stationen seiner Haft. Der Besitzer der Tatrawerke, Ringhofer, die Kollegen aus Witkowitz, von der Poldihütte, Hochschulprofessoren, Ärzte, höhere (Beamte sind zusammen mit ihm inhaftiert. Dann, nach dem kommunistischen Staatsstreich von 1948, füllen sich die Kerkerzellen auch immer mehr mit tschechischen Intellektuellen, die Gottwald nun unter dem Vorwand der Kollaboration mit den Deutschen ausschaltet. Zuerst werden die Politischen abgesondert gehalten, später macht man keinen Unterschied mehr, deutsche „Kriegsverbrecher“, tschechische „Reaktionäre“ oder Raubmörder, in der Volksdemokratie sind alle gleich.

Reihenweise sterben die Häftlinge dahin Auch Ledwinkas alter Chef Ringhofer überlebt die Haft nicht. Ledwinka selbst, trotz ungebrochener Energie und Zähigkeit, wird nur dadurch gerettet, daß ein Handwerker mit einem kleinen Betrieb in Neutitschein ihn zur Arbeit holt und ihm dabei gelegentlich Lebensmittel zukommen läßt. Besonders hart ist die völlige Abgeschlossenheit von der Außenwelt. Erst spät wird die Erlaubnis erteilt, die Angehörigen zu verständig gen. Ein Brief im Monat wird gestattet. Dann kommen ostdeutsche Zeitungen, aber über das, was Ledwinka interessiert, über den Stand der Industrie und die Lage in der österreichischen Heimat, sagen sie wenig oder gar nichts aus.

Am 6. Juni 1951 ist seine Strafzeit abgelaufen und trotz aller Leiden hat sie der nun 73jährige überstanden. Aber immer noch gibt es keine Befreiung. Er wird nach Prag übergeführt und dort vier Wochen völlig von der Umwelt abgeschlossen. Bereits am Tag nach seiner Ankunft in der Hauptstadt bemüht sich der Industrieminister persönlich zu Ledwinka, bestürmt ihn, im Land zu bleiben und für die Regierung zu arbeiten, die ihn sechs Jahre lang eingekerkert hat. Aber Ledwinka, österreichischer Staatsbürger, fordert seine sofortige Freilassung. Der Rektor der Technischen Hochschule in Wien, deren Ehrendoktor er ist, setzt sich bei der Regierung für Ledwinka ein, diese interveniert in Prag, und schließlich, ganz überraschend im Oktober, verkündet man die Freilassung.

Jetzt ist der alte Herr endlich wieder zu Hause und hofft, bald wieder arbeiten zu können. Es gibt viel zu tun in Österreich für den alten Mitarbeiter der Steyrerwerke, und sein Söhn folgt schon seit Jahren erfolgreich den Spuren seines-Vaters ... F. G.