Nachdem nun Bundestag und Bundesrat, die Vorschläge des Vermittlungsausschusses angenommen haben, kann das Bundesbahn-Gesetz (Mitte November) in Kraft treten. Damit hat die Bundesbahn endlich die notwendige Rechtsgrundlage für ihre Arbeit; gleichzeitig sind die Voraussetzungen geschaffen, um die dringenden Personenfragen zu regeln. Zunächst sind die zwanzig Mitglieder des Verwaltungsrates und dann die vier Mitglieder des Vorstandes zu benennen. Das Gesetz schreibt die Bildung des Verwaltungsrates innerhalb von drei Monaten vor; jedoch wäre es wohl zweckmäßig, wenn der Verwaltungsrat bereits früher seine Tätigkeit aufnehmen könnte. Die Ernennung des Vorstandes erfolgt auf Grund eines Vorschlages des Bundesverkehrsministers im Einvernehmen. mit dem Verwaltungsrat, der also vorher aktionsfähig sein muß.

Die Vollmachten des Verwaltungsrates sind nach dem endgültigen Wortlaut des Gesetzes so bemessen, daß die Tätigkeit dort für aktive und kenntnisreiche Persönlichkeiten eine befriedigende Aufgabe bilden kann. Anderseits erfordert die wirtschaftliche Wiedergesundung der Bundesbahn und ihre sinnvolle Eingliederung in die Gesamtwirtschaft auch Persönlichkeiten mit wirtschaftlichem Weitblick und Initiative. Zweifellos werden in diesem Verwaltungsrat die nun einmal gegebenen Interessengegensätze aller an der Bundesbahn Interessierten zusammenstoßen. Diese Gegensätze müssen klar herausgearbeitet, aber sie müssen hier auch schon weitgehend ausgeglichen werden. Insofern legt gerade die starke Stellung des Verwaltungsrates seinen Mitgliedern (und denjenigen, die sie zu benennen haben) eine recht große Verantwortung auf.

Eine der ersten Entscheidungen des Verwaltungsrates wird sein Vorschlag für den Vorstand sein. Die öffentliche Diskussion hierüber ist bisher nicht ergiebig gewesen. Leider hat der Gegensatz zwischen dem Bundesverkehrsministerium und der Bundesbahn während der letzten Jahre verhindert, daß, aus der praktischen Arbeit heraus, der neue Vorstand fast selbstverständlich „herauswachsen“ konnte. Nicht zuletzt dieser Gegensatz läßt heute die Erwägung auftreten, ob nicht eine „neutrale“ Persönlichkeit mit der Leitung der Bundesbahn beauftragt werden soll, um die Verkrampfung zu lösen und wieder ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis zu schaffen. Sicherlich gibt es bei der Bundesbahn selbst zahlreiche Persönlichkeiten, die durchaus die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Leitung des Unternehmens bieten. Beurteilt man heute die Vergangenheit, dann darf man nicht übersehen, auf welchem unsicheren Rechts- und Wirtschaftsboden die Geschäfte geführt werden mußten. Hervorragendes sachliches Wissen und persönliche Integrität können gerade auf einem solchen Boden leicht zu umstrittenen Entschlüssen kommen, während sie auf festem Böden sich nicht nur tatkräftig durchsetzen, sondern auch eine klare Linie erarbeiten können.

Die Leistungen der Bundesbahn in ihrer Gesamtheit beim Wiederaufbau während der letzten Jahre haben den Nachweis erbracht, daß es an Tatkraft und Fachkenntnis keineswegs fehlt. Wer sich die Mühe macht, den Personalkörper genauer zu durchforschen, der wird zahlreiche Persönlichkosten finden, denen man das Schicksal der Bundesbahn für die Zukunft getrost anvertrauen darf. Man sollte bei der gegenwärtigen Auswahl des Vorstandes auch darauf achten, daß man Kräfte wählt, die für 15 bis 20 Arbeitsjahre. „bei der Sache bleiben“ und sich also ein langfristiges Programm vornehmen können. Diese grundsätzliche Forderung braucht allerdings nicht auszuschließen, daß man zunächst eine besonders erfahrene Persönlichkeit nimmt, die sich weitestgehenden Vertrauens erfreut, und daß man einem solchen Manne gleich die jüngere Kraft zur Seite stellt, die nach einigen Jahren der Einarbeitung das begonnene Werk fortsetzt.

Noch ist es zu früh, um einzelne Persönlichkeiten namentlich zu benennen; aber es ist höchste Zeit, sich über die Grundsätze der Personenauswahl klarzuwerden. Von dieser Personenauswahl hängt nicht nur das Schicksal der Bundesbahn und ihrer mehr als 500 000 Betriebsangehörigen ab, sondern sie ist zugleich wichtig für die Produktiviät unserer, Gesamtwirtschaft. pl.