Kopenhagen, Anfang November

Zwei Ereignisse charakterisierten in letzter Zeit die wirtschaftliche Lage Dänemarks. Da war einmal die Regierungserklärung beim Wiederzusammentritt des Reichstages am 2. Oktober, in welcher der sonst so vorsichtige Ministerpräsident Erik Eriksen mitteilte, daß keine neuen Steuern und neuen Abgaben zu erwarten wären, und daß die Regierung der Meinung ist, daß die großen Stabilisierungskompromisse zwischen Regierung und Opposition vom November 1950 und März 1951 ausreichend seien, um das Land aus seinen Schwierigkeiten herauszubringen. Gleichzeitig aber, und das ist das zweite Ereignis, mußten die dänische Nationalbank und die Kopenhagener Großbanken helfend zugreifen, um die große Provinzbank Fyens Discontokasse aus einer ernsten Liquiditätskrise zu retten. Daraus geht hervor, daß sich zwar die ergriffenen Stabilisierungsmaßnahmen in Dänemark allmählich auswirken, daß aber die Lage auf dem dänischen Kreditmarkt nach wie vor recht angespannt ist.

Um dies zu verstehen, muß man sich die Lage Dänemarks, wie sie sich in den letzten Jahren entwickelte, einmal vergegenwärtigen: Dänemark lebt zur Hauptsache von seiner Landwirtschaft, die im Rahmen der Gesamtproduktion an erster Stelle steht. Zwei Drittel des dänischen Exports umfassen Agrarprodukte. Dänemark besitzt keinerlei Rohstoffe. Die Butter ist sein Gold. Und mit diesem „Gold“ muß es die Rohstoffe einkaufen. Alle Rohstoffpreise sind nun auf dem Weltmarkt aber so gestiegen, daß die Preisbildung auf dem Agrarmärkte überhaupt nicht mitkommen konnte, zumal die Agrarpreise in ihrer Entwicklung durch die Beschlüsse der FAO stark behindert worden sind. Diese Beschlüsse liefen darauf hinaus, zunächst einmal die Ernährung in der Welt sicherzustellen und vor Konjunkturschwankungen zu bewahren. Die Preisentwicklung auf dem Weltmarkt hat aber nun dazu geführt, daß die dänischen Importpreise weit höher liegen als die Exportpreise, und daß nach dem letzten Preisindex eine Differenz von 65 Punkten zwischen Export- und Importpreisen besteht. Das mußte zu einem Defizit in der dänischen Handelsbilanz führen, die für die ersten acht Monate dieses Jahres einen Einfuhrüberschuß in Höhe von 1081 Mill. Kr. gegenüber 968 Mill. Kr. im Vorjahr zeigt. Die gesteigerte Einfuhr hatte ihrerseits zwei Gründe. Einmal waren als Kriegsfolge alle Lager aufgebraucht und anderer-, seits trat infolge der aus der Nachkriegskonjunktur erhöhten Kaufkraft eine Bedarfserhöhung ein, die dazu führte, daß sich in Verbindung mit der Liberalisierung eine Erhöhung der Einfuhr ergab, die das gewöhnliche Maß überschritt. Um die entstandene Inflationsgefahr und Zahlungskrise zu bannen, mußte die Regierung zu Maßnahmen schreiten, die die Kaufkraft der Bevölkerung vermindern sollen. Und so kam es zu den beiden Stabilisierungskompromissen, die kaufkraftbeschränkende Verkaufsabgaben, neue Einkommensteuern und Zwangssparen umfassen, Darüber hinaus wurden auch noch drastische Krediteinschränkungen eingeführt und die Preis- und Gewinnkontrolle verschärft.

Die Stabilisierungsmaßnahmen haben in gewissem Umfange zu einem Produktionsrückgang geführt, was andererseits ein leichtes Ansteigen der Arbeitslosigkeit zur Folge hatte. Der dänische Arbeitslosen-Prozentsatz ist aber auch heute noch sehr gering und betrug für August nur 2,5 v. H., gegenüber 1,5 v. H. im August des Vorjahres. Allerdings muß für den Winter mit einem saisonüblichen Ansteigen der Arbeitslosenzahl gerechnet werden. Trotzdem kann man in Dänemark noch immer von einer Vollbeschäftigung sprechen. Die weitere wirtschaftliche Entwicklung Dänemarks hängt ganz und gar von der internationalen Lage ab. In erster Linie erwartet man in Dänemark, daß der Agrar-Protektionismus in der Welt überwunden werden kann. Dazu erklärte Innenminister Axel Möller unlängst: „Es ist nur schwer zu verstehen, daß man in Ländern, die unter Nahrungsmittelknappheit leiden, immer noch den Markt für die Nahrungsmitteleinfuhr verschließt, und es ist ganz unbegreiflich, daß Amerika, das sich selbst große Lasten auferlegt, um Dollars für den Wiederaufbau Europas zur Verfügung zu stellen, dem dänischen Käse-Export so große Hindernisse in den Weg legt, der Dänemark doch einen Teil der Dollars sichern könnte, die es braucht.“ In entsprechender Weise hat auch der deutsche Import-Stop den dänischen Agrarexport betroffen. Diese protektionistischen Maßnahmen sind es, die es Dänemark erschweren, dritte Märkte zu finden. Die Lage wird sich natürlich etwas bessern, wenn England in den gegenwärtigen Verhandlungen auf die neuen dänischen Preise eingeht, da die bisherigen Preise kaum die Produktionskosten decken.

Dänemark muß produzieren und exportieren, um seine Wirtschaft sanieren zu können. Infolge des Pariser Abkommens muß Dänemark, wie alle anderen westeuropäischen Länder, seine Produktion im Laufe der kommenden fünf Jahre um 25 v. H. erhöhen. Die dänische Regierung ist sich darüber im klaren, daß dieses Ziel geschafft – werden muß, wenn Dänemark die Stabilisierung seiner Wirtschaft erreichen will. Und aus diesem Grunde hält man es für geboten, vorerst die Verbrauchsgüter-Nachfrage weiterhin zu vermindern und die Investitionen zu begrenzen. Erst wenn es gelungen ist, den Export zu steigern, wird nach Auffassung der dänischen Regierung der Zeitpunkt gekommen sein, auch die bestehenden Importbeschränkungen aufzuheben. Bis jetzt ist auf diese Weise wenigstens erreicht worden, die Inflationsgefahr zu bannen und das Defizit in der Zahlungsbilanz etwas zu verringern. Wenn die Voraussagen von Handelsminister Rytter zutreffen, wonach man vom 1. August 1951 bis Zum 31. Juli 1952 mit einer voraussichtlichen Valuta-Einnahme in Höhe von 7,8 Mrd. Kr. rechnet, gegenüber Valuta-Ausgaben in Höhe von 8,3 Mrd. Kr., so dürfte, wenn Dänemark die in Aussicht gestellten Marshall-Mittel erhält, im nächsten Jahre nur noch ein Valuta-Defizit von 200 Mill. Kr. vorhanden sein. Aber es hängt, wie gesagt, alles von der allgemeinen internationalen Entwicklung ab. Da Dänemark von dieser Entwicklung, schon weil es keine Rohstoffe besitzt, im höchsten Maße abhängig ist, wird der kommende Winter zeigen, ob der gedämpfte Optimismus der dänischen Regierung berechtigt ist. Martin Kruse