Neu Delhi im November

Erst jetzt beginnen sich die Folgen des vier Jahre alten Streites zwischen Indien und Pakistan in aller Deutlichkeit zu zeigen. Indien ist durch die Teilung zur chronischen Hungersnot verdammt, während Pakistan genötigt wurde, neue Märkte für seine Rohstoffe zu suchen und diese zu sehr viel ungünstigeren Preisen abzusetzen. Das Volkseinkommen, das in beiden Ländern nicht groß ist und dringend für Investierungen gebraucht würde, wird für die Aufrüstung verschwendet. Die Folge davon ist, daß sowohl Indien wie Pakistan aus dem Zustand der Armut und Schwäche nicht herauskommen.

Der Streit um Kaschmir, der anfänglich nur eine verhältnismäßig nebensächliche Angelegenheit war, hat inzwischen sehr viel größere Probleme gezeitigt. Er hat nämlich dazu geführt, daß Afghanistan, das zur Zeit der britischen Herrschaft in Indien ein unbeachtetes kleines Land war, auf den Plan gerufen worden ist und seine Ansprüche stellt. Die afghanischen Politiker sehen die Gelegenheit gekommen, ihre alten nationalen Ansprüche zu befriedigen, indem sie Pakistan und Indien gegeneinander ausspielen. Allmählich haben sich die Machenschaften Afghanistans darauf konzentriert, einen selbständigen Staat Pathanistan zu propagieren, um dadurch eine ständige Unruhe im Grenzgebiet zu stiften.

Weder Pakistan noch Indien haben je die afghanische Forderung nach einem selbständigen Staat Pathanistan anerkannt. Als aber Pakistan sich um die Unterstützung der arabischen Länder im Kaschmirstreit bemühte, hat Indien als Gegenmaßnahme die indisch-afghanische Freundschaft stark betont. Damals lag es im Interesse Indiens, die Streitigkeiten zwischen Pakistan und Afghanistan zu schüren, um auf diese Weise Pakistan in Kaschmir zu schwächen. Wahrscheinlich ist es dieser Taktik zu danken, daß Indien in Kaschmir festen Fuß gefaßt hat, aber der Preis, der dafür bezahlt wurde, ist sehr hoch gewesen.

Heute ist die Situation so, daß selbst, wenn, der Kaschmirstreit zwischen Pakistan und Indien geregelt werden konnte, damit die pathanistischen Ambitionen, die nun einmal geweckt sind, noch längst nicht befriedigt wären. Die Stämme dieses bergigen Grenzgebietes sind nun einmal auf den Plan gerufen und die Geschichte lehrt, daß sie eine Quelle von immer neuen Gefahren sind. Afghanistan selbst ist ängstlich darauf bedacht, zwischen sich und dem indischen Subkontinent einen Pufferstaat zu errichten; denn es glaubt, daß Indien und Pakistan, sei es durch einen pazifischen Pakt oder durch die Bindungen Pakistans an die moslemischen Staaten des Mittleren Orient in irgendeiner Weise in das Gefahrenfeld eines neuen Krieges hineingezogen werden könnten. Und eben gegen diese Gefahr möchte Afghanistan sich isolieren.

Es ist gar kein Zweifel, daß die Sowjetunion sehr daran interessiert ist, den Gedanken eines selbständigen Pathanistan zu unterstützen, denn auf diese Weise kann Pakistan tatsächlich vollkommen lahmgelegt werden. Indien und Pakistan haben beide eine außerordentlich kurzsichtige Politik Afghanistan gegenüber getrieben. Die ökonomische Blockade durch Pakistan hat das Land den Sowjets in die Arme getrieben. Es blieb den Afghanen gar nichts anderes übrig, als sich hilfesuchend an die Sowjetunion zu wenden. So steht jedenfalls fest, daß, selbst wenn der Kaschmirkonflikt beigelegt werden kann, Pakistan vor der sehr viel größeren Gefahr Pathanistan steht – größer deshalb, weil an ihr die Sowjetunion direkt interessiert ist, B. J. Modi