Hinter dem Bahndamm, der mit ölig dunstenden Schwellen und den blanken Geleisen leer in der Sonne ruht, steigt die Wiese an und ist an ihrem oberen Rande von etlichem Gesträuche und einem kleinen Föhrenbestand gesäumt. Hier tritt auch schon kahler Boden hervor, mit kleinem Schotter. Jenseits davon, am wieder fallenden Hange, steht ein Berberitzenstrauch mit bereits roten Früchten. Unter ihm liegen die beiden im Grase, der Gymnasiast und das Mädel im weißen Leinenkleid; sie sehen von da auf die altmodischen braunen Holzveranden der Villen in dieser stadtnahen Sommerfrische. Die Ferien sind zu Ende. ‚Dort draußen, am Himmelsrande, hinter der vielgeteilten Ebene mit Straßen, Schornsteinen von Fabriken und dem lang und quer durchziehenden Industrie-Kanal, liegt die Großstadt.

Er kitzelt sie mit einem Grashalm am Genick, das goldbraun ist, mit hellen Flaumhärchen. Ihre weißen Strümpfe umspannen die drallen Waden wie eine dünne Haut, die rückwärts platzen will. Und wirklich „läuft“ dort eine Masche im Gewebe. Er hat diese immer weiter sich auftrennende Stelle bereits die ganze Zeit hindurch beobachtet, sagt jedoch nichts. Clara wendet sich herum – und liegt jetzt auf dem Rücken. Der Abend ist so weit vorgeschritten, daß die Rosaröte vom Himmel zu verschwinden beginnt und man den Sonnenuntergang nicht mehr bewundern muß ... es dämmert. Er legt sich neben Clara und drückt sein Gesicht in ihre Achsel, wühlt sich förmlich da ein, liegt dann regungslos, und erschauert am allermeisten deshalb, weil sie es zuläßt. Plötzlich küßt er sie auf den Mund.

Sie rührt sich nicht, hat die Augen geschlossen. Ihm schwankt alles, wie einem Betrunkenen, sein stützender Arm zittert immer mehr, und als er plötzlich den ihren um sein Genick geschlungen fühlt, fällt er wirklich mit dem Oberkörper nach vorne und auf Clara. In diesem Augenblicke wird es hell, als entzündete sich neu das Abendrot, jedoch kommt der Schein nicht vom Himmel her, sondern von unten. Sie drehen die Köpfe. Sie sehen Flammen an einer dieser ausgedörrten Holzveranden, sehen sie eben noch klein und nur am einen Ende des Gebäudes, jetzt aber schon die ganze Breite entlangzuckend, und da hören sie beide auch das Prasseln und Knistern, sehr stark, und der Rauch hebt sich in einer immer dickeren Wolke in den Abend, da kein Windhauch sich rührt, der ihn wegtreibt. Er beginnt plötzlich Clara wie toll zu küssen, und sie antwortet ebenso. über den Rasen kommen zuckende Lichtstreifen von der Brandstätte her: dort unten hat man diese Flammen inzwischen durchaus ernst genommen, Räder rattern, man hört Geschrei, und überall von den benachbarten Gärten und Häusern her laufen dunkle Menschen. Clara springt auf und rennt nach rückwärts in den Wald, er ihr nach, dort stehen sie zwischen den Föhren, hin und her gebogen wie vom Wind, ineinander geschlungen, und küssen sich, wie toll drauflos. Der Feuerschein läuft über das Gras, zwischen die Bäume herein, jetzt wird es ganz hell... Sie starren sich wild in die Augen, er hält ihren Kopf zwischen den Händen, dreht ihn brutal hin und her, sieht verzückt das Gesicht im Flammenschein bald von der, bald von jener Seite an; aber sie hat auch sein Gesicht mit ihren kleinen feuchten heißen Händen umspannt. Die Föhrenstämme werden bis hoch hinauf rot beleuchtet. Er springt plötzlich zurück, starrt Clara an und sagt: „Vor dir fürchte ich mich“. Sie wird sogleich traurig und bekümmert, tritt zu ihm, nimmt seine Hand zwischen ihre kleinen Pfötchen und sagt nur „nein, nein, aber nein“, und zieht ihn mit sich fort, über den Hügelkamm und durch das Gesträuch und auf der anderen Seite bis zum Wege, der neben dem Bahndamm herläuft. Im Gehen legt sie ihren Kopf an seine Schulter, und so wandern sie an der Eisenbahn entlang, über einen feuchten, schmalen Pfad, bis zu den leiden benachbarten Villen, wo seine und ihre Eltern wohnen. Er wird etwas ruhiger, küßt sie noch einmal leicht, würde sich aber jetzt, in der hereingebrochenen Dunkelheit, gewiß fürchten, wem sie ihn etwa verließe. So gehen die Kinder denn eng umschlungen. Hinter ihnen, jenseits des Hügelkammes, ist der Himmel blutrot.