Von Christian E. Lewalter

„Wir leben nicht, um zu denken, sondern umgekehrt: wir denken, um am Leben zu bleiben.“ Ortega

Das technische Zeitalter, das auch das Zeitalter der zerreißenden christlichen Horizonte war, hat die Bereiche des Lebens spezialisiert: zunächst die Technik selbst, dann das Geschäft, die Politik, die Liebe, die Künste, den Sport – und mit all diesem, allmählich und unmerklich, das Denken. Nicht nur, daß die Wissenschaften, jede für sich, ein Geheimbesitz der Eingeweihten, der „Zünftigen“ wurden und daß die Religion, einst das öffentlichste und Gemeinsamste, sich in die Sphäre des „Privaten“ verbannt sah, wo sie denn nicht mehr gedacht, sondern nur „gefühlt“ werden sollte – die ganze dem Menschen, und nur ihm, eigentümliche Betätigung, die man Denken nennt, geriet in den Strudel der Aufsplitterung.

Da es keinem mehr möglich war, alles zu übersehen, schien es auch aussichtslos, alle in gleicher Weise am Denken teilnehmen zu lassen. Die Philosophieprofessoren machten aus dieser Not eine (von Schopenhauer und Kierkegaard vergeblich entlarvte) Tugend und warfen sich zu Denkspezialisten auf. Statt mit allen zu philosophieren, verwalteten sie die Sparte Philosophie, und während es immer ungewissser wurde, wozu der Denker im Zeitalter des Fortschreitens noch nütze sei, formierten sie eine Denkergilde.

Ihr Anspruch auf Denkmonopol wurde, da man sich wie alles so auch das Denken nur organisiert vorstellen mochte, durchweg, vom Staat und von den professionellen Nichtdenkern, anerkannt, und der Protest widerborstiger Außenseiter (Nietzsches zum Beispiel) fand wenig Widerhall. Aber es war eine Anerkennung von der Art, wie sie einem fernen Sultan gezollt wird, dem man zwar den Tribut entrichtet, der sich aber nicht als Herrscher bemerkbar macht. Das Denken war in den Geruch höchster Vornehmheit gekommen. Man zog vor ihm den Hut und fühlte sich damit von seinen Schwierigkeiten, den intellektuellen und vor allem den moralischen, dispensiert, weil man es einer Kaste anvertraut hatte, die es hütete.

Jede Vornehmheit hat Abstufungen. Von dem Respekt, den die beamteten Denker genossen, färbte einiges auf eine Gesellschaftsschicht ab, deren Angehörige zwar von jenen als Schmalspurdenker geringgeachtet wurden, sich aber doch aus eigenem Impuls des Denkens befleißigten und einander an gewissen Abzeichen als „Intellektuelle“ erkannten. Sie bildeten eine Elite sonderbarster Art: ohne Auftrag, Sonntagsdenker sozusagen, bestaunt wie Maharadschahs, in einem Galakostüm der Sprache, das von mysteriösen Kunstworten wie von Juwelen funkelte.

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