Von Walther F. Kleffel

Zu einem regelrechten Beefsteak hat der deutsche Boxmeister im Halbschwergewicht, Wilheim Hoepner, seinen Herausforderer Gerhard Hecht in Hamburg zusammengehauen. 7000 Zuschauer kletterten auf Bänke und Stühle, warfen vor Begeisterung ihre Arme in die Luft und wußten sich nicht zu halten vor Vergnügen, während zwischen den Seilen ein armer Kerl seinem Untergang entgegenging. Das Ergebnis war dieses: der Unterlegene ging mit einer schweren Verletzung an den Augenbrauen, dem Jochbein, der Nase und dem Mund aus dem Ring; der Sieger mit einer Augenbrauenspaltung und einem geschwollenen Handrücken zurück in die Kabine. Die letzte Runde war die schrecklichste, viermal mußte Hecht zu Boden und wenn er stand, war er weiter nichts als eine Übungsbirne oder ein lebender Sandsack für seinen Gegner. Doch der Ringrichter stand dabei, als ginge das alles ihn nichts an. Wenn schon die Regeln ein Eingreifen unmöglich gemacht haben sollten, das ’menschliche Wrack, das da im Ring herumtaumelte, hätte dem Kampfe ein Ende gebieten müssen. Doch die Manager hetzten ihren „Schützling“ immer wieder in die Schlacht, die zu einem Schlachten ausgeartet war. Der belgische Dichter Maeterlinck schrieb einmal einen Hymnus auf the noble an of self defence und endete ihn mit den pathetischen Worten: „Es mag paradox erklingen und doch ist. es leicht zu beweisen, daß die Kunst des Boxens, wenn sie allgemein geübt und gepflegt wird, zum Unterpfand des Friedens und der Verträglichkeit wird.“ Was in der Ernst-Merck-Halle zu Hamburg schlagend bewiesen wurde.

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Der Sechstage-Rummel hat wieder begonnen. Frankfurt am Main machte den Anfang, Hannover folgte und um die Jahreswende wird man sich in Münster die Nächte um die Ohren schlagen. Der Spaß stammt aus Amerika. 1899 fuhr man in New York zum erstenmal sechs Tage und Nächte lang um die Wette, und die Welt staunte, was doch so ein Mensch alles auszuhalten vermag. Erst später sah man, daß auch bei einem Sechstage-Rennen nur mit Wasser gekocht wird und nicht alles Sport ist, was geschäftstüchtige Manager unter dieser Marke einem ahnungslosen Publikum anbieten. Von den 144 Stunden, die zu durchfahren sind, stellen etwa 24 ernsthafte Anforderungen an die Fahrer, die übrige Zeit wird per Rad gebummelt. Man nennt das Neutralisation. Da man zudem auch nicht sechs Tage hindurch ein „Rennen“ fahren und interessant gestalten kann, muß eine geschäftstüchtige Regie mit geschickten Absprachen und anderen Tricks das corriger la fortune vornehmen. Diese Wettbewerbe auf Widerstandsfähigkeit sind keine Sportereignisse, sondern sie gehören zu den Volksbelustigungen wie die geschmacklosen Darbietungen der Hungerkünstler, der Dauertänzer und Rekordpianisten.

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Der Ritter von Halt ist böse. Er hat dem bayerischen Wintersportort Garmisch-Partenkirchen ein Ultimatum gestellt. Entweder verschwindet innerhalb zweier. Wochen der olympische Kitsch, der sich am Fuße der Zugspitze allerorts breit macht oder das Nationale Olympische Komitee müsse Garmisch-Partenkirchen den Rücken kehren. Dem alten deutschen Mehrkampfmeister, der im Jahre 1912 der deutschen Olympiamannschaft beim Einzug in das Stockholmer Stadion die Nationalflagge vorantrug und dann im Zehnkampf, der Krone aller sportlichen Disziplinen, einen ehrenvollen Platz errang, sind die „Olympia-Hosenträger“, die „Olympia-Apotheke“, die gleichnamige Filmbühne, der „Olympia-Cocktail“ und selbstverständlich auch das „Olympia-Toiletten-Papier“ auf die Nerven gefallen. So etwas schicke sich nicht. Und wenn Hanns Kilian, ehemaliger Bobweltmeister und seines Zeichens geachteter Gastronom zugleich aber auch der Vorsitzende des dortigen Sportkomitees, mit seinen Freunden kein Verständnis dafür hätte, müsse ein Exempel statuiert werden und die deutschen Oslo-Kandidaten zu ihrem Training in eine weniger olympiageschäftstüchtige Gegend verschickt werden. Kampf dem Kitsch, das ist gut! Hier kommt noch hinzu, daß es zum Olympischen Protokoll gehört, mit den Spielen und ihren Symbolen keine Reklame zu treiben und sie geschäftlich auszunützen. Doch allzu ernst sollte man das alles nicht nehmen. „Olympia-Toilettenpapier“ ist lediglich eine Frage des persönlichen Geschmacks, über den man allerdings in diesem Fall nicht zu streiten braucht: er ist wirklich schlecht.

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Man braucht wirklich noch nicht alle Hoffnung aufzugeben und befürchten, daß es allgemein. im Sport bergab geht. Noch hat die Materialisierung nicht alle ergriffen, noch die geistige Verödung manche verschont. Es gibt noch ein ideales Denken, wenn es auch für viele nur noch „der blöde belächelte Weltschmerz der späten Romantiker“ sein dürfte, wie sich der Leitartikler der Amtlichen Mitteilungen des Bayerischen Landes-Sport Verbandes so treffend ausdrückt. Da haben die deutschen Ruderer in Passau ihren Verbandstag abgehalten. Ein umfangreiches Programm stand auf der Tagesordnung, die um 9 Uhr morgens mit der Prüfung der Vollmachten ihren Anfang nahm und abends um 20 Uhr mit einem Rudererball ihrem Ende entgegengeführt wurde. Dazwischen aber lag etwas, was einen freudig aufmerken ließ. Ein Orgelkonzert im Dom! Wie das? werden viele fragen und nicht verstehen, was ein Orgelkonzert im Dom mit einer Sporttagung zu tun hat. Das werden die Leute sein, die nur noch mit Totozahlen zu rechnen gewohnt sind, denen nur noch Rekorde etwas bedeuten und die in einem gut angebrachten Boxschlag das Heil dieser Welt erblicken. Sollte es noch möglich sein, ihnen den tiefen Sinn dieser Feierstunde mit Händel und Bach klarzumachen?