Jeder, der die Wirtschaftsseiten der Zeitungen liest, bemerkt, daß er sich in den ersten Spalten durch die oft eindringlichen Klagen über den unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch dieser oder jener Firma oder Branche wegen Kohlenmangels hindurcharbeiten muß, bis er dann in weiteren Spalten liest, daß die Produktionsindices weiter gestiegen sind, die Arbeitslosigkeit erneut nachließ, die Beschäftigung zunahm, die Lohnsummen stiegen usw. – all das eine glatte Widerlegung vorangestellter Klagelieder.

Irgendwie sind also trotz alleroffiziellen Kohlekürzungen die Feuer unter den Kesseln nicht ausgegangen, zum Teil konnten sie sogar noch höher angefacht werden und weitere Leistungssteigerungen bewirken. Das könnte wirklich ein. Wunder sein, wenn es nicht möglich wäre, diese Vorgänge zu klären. Im Durchschnitt der letzten Monate hat die statistisch unter dem Begriff „übrige Industrie“ zusammengefaßte Verbrauchsgüterfabrikation monatlich einige 100 000 Tonnen mehr verbraucht als ihr an Kohle offiziell zugeteilt worden war. Sie hat sich diese Mengen also anderswo beschafft. Falsch oder böswillig wäre es, daraus gleich den schwarzen Markt konstruieren zu wollen. Dieser besteht doch nur da, wo Bergleute ihre Deputate zu überhöhten Preisen verkaufen, Besatzungsstellen ihre Zuteilungen unter der Hand an Deutsche wieder vertreiben, kommunale Versorgungsbetriebe die Marktordnungsbestimmungen nicht so genau nehmen oder gewisse Mengen aus Importkohlen nicht vollständig über die Erfassungsstellen gehen. In Fachkreisen schätzt man diese Beträge auf etwa 150 000 Tonnen im Monat. Weit mehr, nämlich rund 250 000 Tonnen monatlich, stammen aber aus durchaus legalen Quellen. Diese pflegen sich stets in Zeiten der Knappheit und freiwilliger Preiserhöhungen aufzutun, um bei einer Normalisierung des Marktes wieder ebenso schnell und lautlos zu versiegen. Es sind die normalerweise unrentablen kleinen privaten Schürf- und Stollenbetriebe, in denen oft nicht mehr als einige Menschen arbeiten. Zur Zeit ist ihre Zahl auf weit über hundert gestiegen. Sie haben Recht und Gesetz auf ihrer Seite, dürfen fördern, und jeden angemessenen Preis nehmen. Zu diesen Kleinbetrieben kommen noch zehn sogenannte Kleinzechen, also richtige Gesellschaften, deren Förderung aber normalerweise so gering ist, daß sie aus der offiziellen Bewirtschaftung „seit altersher“ herausblieben. Natürlich hat man sich auch hier sehr angestrengt und die Ergebnisse verbessert, um die goldenen Zeiten mitzunehmen. Diese zusammen 400 000 Tonnen sind also nachweisbar und damit kein „Wunder“; sie sind in der Mehrheit sogar legal und nicht „schwarz“. Sie deuten aber an, welche Reserven in der Kohleergiebigkeit noch liegen, und solltest mit Anlaß geben, im kommenden Jahr wirklich an eine Aufhebung der Bewirtschaftung heranzugehen.

Gute Kohlen-Bilanzen

Einige repräsentative Zechengesellschaften des deutschen Bergbaues haben in den letzten Wochen ihre Bilanzen vorgelegt oder ihre Abschlüsse angekündigt. Sie vermitteln einen denkbar günstigen Eindruck von der Vermögens- und Ertragslage des Kohlenbergbaues und bestätigen damit eine Annahme, die in der Wirtschaftspresse seit langem vertreten, aber amtlich nicht gern gehört wird. Selbstverständlich haben einige kostenmäßig besonders ungünstig liegende Zechen noch keine Ertragsfähigkeit. Aber in welcher Branche ist das nicht so, daß zwischen wirtschaftlichen und weniger wirtschaftlichen Betrieben ein breiter Spielraum ist? Jedenfalls zerstreuen die inzwischen bekanntgewordenen Abschlüsse endgültig die Befürchtung, der Kohlenbergbau schlechthin sei unrentabel. Die Abschlüsse sind sogar so eindrucksvoll gut, daß wir den betreffenden Gesellschaften im Falle einer künftigen Inanspruchnahme des freien Kapitalmarktes beachtliche Emmissions-Chancen einräumen würden. Es handelt sich dabei vor allem um die mit 7,5 bzw. 5 v. H. Dividende (und zwar schon für 1948/49 und 1950!) aufwartende Braunschweigische Kohlenbergwerke AG., Helmstedt, mit ihrem von 44 Mill. RM auf 66 Mill. DM aufgestockten AK, und um die zweimal 3. v. H. Dividende für 1949 und 1950 zahlende Steinkohlenbergwerke Westfalen AG., Ahlen, auf das von 17,49 auf 26 Mill. DM erhöhte Kapital. Ferner sind die vorzüglichen Bilanzen der zu den leistungsfähigsten Bergbau-Unternehmen gehörigen Rheinpreußen AG. für Bergbau und Chemie, Homberg, mit ihrem von 72 Mill. RM Gewerken-Kapital auf 100 Mill. DM aufgestockten AK, und des Eschweiler Bergwerks-Vereins mit jetzt 60 (50) Mill. DM AK zu nennen. In seinem November-Bericht zur Börsenlage weist auch der Bankverein Westdeutschland (früher Commerzbank) auf diese günstigen Abschlüsse hin und zieht sie mit zur Begründung des Kauf- und Anlageinteresses des Publikums für Montan-Aktien und Kuxe heran.

Kuxe nehmen Abschied

Das Kaufinteresse für Kuxe an den westdeutschen Börsen hellt sich nun allmählich auf. In der Tat scheinen erhebliche stille Reserven, gute Beschäftigungsdurchschnitte und sichere Absatzlagen bei der Bewertung der Montanpapiere ungebührlich lange übersehen worden zu sein. Die in belgischem Besitz befindliche Bergwerksgesellschaft Dahlbusch wartete zuerst mit 5 : 6 Kapitalaufstockung auf. Es folgten in ähnlichem Verhältnis die die Wendel-Zechen, dann Eschweiler Berg mit ebenfalls 5 : 6; Concordia Bergbau (Gutehoffnungshütte) kündigt gleiches an. Zugleich findet ein Abwandern vom Kux und seine Umwandlung in Aktien statt. Der Wunsch nach modernerer Rechtsform wird nun anläßlich der DM-Umstellung vielfach verwirklicht und gleichzeitig ein meist sehr hoch bewertetes Namenspapier in mehrere kleine Inhaberaktien aufgeschlüsselt.

Bei diesem Vorgang werden stille Reserven aufgedeckt und die Kapitalkonten berichtigt, was im Zusammenhang mit Neuordnung, Abfindungen und Kapitalverlagerungen wichtige Klarstellungen über die tatsächlichen Werte bringt und dem Wunsch nach „gerechter“ Ausgangslage bei der Neuordnung zumindest auf der Vermögensseite um einiges entgegenkommt. Vielleicht aber dürfte bei der auffälligen Abschiedsstimming vom Kux, wie sie Rheinpreußen (Haniel), Neumühl (Haniel), Westfalen (Conti-Gas) jetzt sichtbar einleiteten, auch das Bedürfnis mitsprechen, aus der staatlichen Kapitalversorgung oder Nachtversorgung möglichst schnell herauszuwachsen, an den freien Kapitalmarkt wieder herantreten zu können, um damit auf den Füßen echter unternehmerischer Wirtschaftsführung zu stehet. Vor einer solchen Entwicklung aber steht natürlich die Publizität, die bei der Aktienform längst gängige Usancen geschaffen und sich bei vernünftiger und sachlicher Nachrichtenpolitik der Unternehmensleitungen seit jeher denkbar gut ausgewirkt hat. Rlt.