Von Günther Steffen

Wer gut reden kann, ist auch, ein guter Verführer: man gewinnt die Frauen, indem man sie bei den Ohren packt – wie die Kaninchen.“ Dieser drastische zoologische Vergleich dürfte dem zarten Geschlecht nicht gerade sehr zartfühlend und galant vorkommen; aber er stammt von keinem Geringeren als Victor Hugo, von dem André Gide einmal etwas boshaft sagte, er sei – „leider“ – der größte französische Dichter. Wenn ein Nationalbegräbnis ein Maßstab für dichterische Größe wäre, so könnte es in dieser Frage keinen Zweifel geben: Victor Hugo erhielt das pompöseste Begräbnis, das je einem Dichter zuteil geworden ist. Aber seine Zeitgenossen kannten nicht den Inhalt seiner Tagebuchaufzeichnungen, die erst jetzt nach und nach veröffentlicht werden sollen und in denen es von skandalösen Aperçus und gepfefferten Sentenzen nur so wimmelt – sonst hätten sie dem Dichter des „Glöckners von Notre Dame“ seinen verdienten Platz im Pantheon womöglich noch streitig gemacht.

Ein seltsamer Zufall will es, daß fast gleichzeitig mit dem Erscheinen der beiden ersten, aus dem bisher unzugänglichen Nachlaß, Hugos veröffentlichten Tagebuchbände, ein anderes Tagebuch ans Tageslicht gelangt, dessen Autor ebenfalls – Hugo heißt. „Le père Hugo“, wie er scherzhaft in Erinnerung an seinen illustren Namensvetter genannt wurde. Vater Hugo stammt aus der Hotelbranche; er war um die Jahrhundertwende der erste Maître d’hôtel bei Maxim’s, dem vornehmsten Restaurant von Paris, in der Rue Royale. Ein Maître d’hôtel ist zweifellos eine gewichtige Persönlichkeit, und Vater Hugo hat seinen Gästen, vor allem natürlich den weiblichen, den galanten Damen der Belle époque, nicht nur auf den Mund, sondern tief in die Augen geschaut, so daß er über die geheimsten Regungen ihres Seelenlebens oft besser unterrichtet war, als sie selbst. Sein Notizbuch, dem er den mysteriösen Namen Le cahier vert, das „Grüne. Tagebuch“, gab, enthält in Abkürzungen und Stichworten die Charakterstudien von 153 regelmäßigen Besucherinnen – zum diskreten Gebrauch für weltmännische Schürzenjäger und zur ebenso diskreten Anreicherung seiner Trinkgelderkasse, natürlich.

Die am häufigsten gebrauchte Abkürzung lautet „AF“, das heißt „à faire“, oder in freier deutscher Übersetzung: „Festung kann genommen werden.“ 139 Von 153 registrierten Festungen konnten nach Ansicht Vater Hugos – unter Einhaltung gewisser Übergabebedingungen – genommen werden. Die vierzehn verbleibenden Tugendhorte erhielten die melancholische Signatur „RAF“, was natürlich nicht „Royal Air Force“ bedeutet, sondern „rien faire“, nichts zumachen. Zwischen dem fatalen „RAF“ und dem „AF“ kennt Vater Hugo eine gleitende Skala der Nuancen, „E2A“ bedeutet: „Dame mittleren Alters“; „CLU“: „Man muß die Gebräuche kennen.“

Da gab es eine „Madame Genevieve X..., Signatur E2A/AF, hübsches Gesicht, sehr begehrenswert. Hat Angst, zu dick zu werden und klettert daher einmal am Tag auf den Eiffelturm. Um sich die Langeweile zu vertreiben, zählt sie die Stufen; errechnet aber jedesmal eine andere Zahl“. Oder: „Madame Evelyne, hübsche Blondine, aber sehr empfindlich. Nervenschock, als ein Galant ihr sagte, daß sie nach Pommeranzen. röche. ‚AF‘ für Leute, die eine kräftige Sprache nicht schockiert.“

Vater Hugo wäre kein Mann von Welt, wenn er den vielen schönen Frauen, die in seiner „Chronique scandaleuse“einen Ehrenplatz einnehmen, nicht zu guter Letzt noch eine Art galantes Alibi verschaffen würde: „Falls eine dieser Damen ihren Namen hier wiederfinden sollte, so möge sie mir nicht böse sein: ich wollte lediglich sagen, daß sie hübsch war und daß es mir eine große Ehre gewesen ist, ihre Bekanntschaft zu machen.“