Von Norbert Jacques

In diesen Tagen wurden in Hamburg die höflichsten und rücksichtsvollsten Autofahrer, die in einer „Verkehrserziehungswoche“ ermittelt wurden, vom Polizeipräsidenten ausgezeichnet. Rücksicht im Verkehr tut heute in Deutschland mehr denn je not, denn die Anzahl der Verkehrsunfälle steigt von Monat zu Monat. Da Vergleiche mit den Erfahrungen des Auslandes uns helfen könnten, haben wir Norbert Jacques gebeten, seine Beobachtungen in der Schweiz zu schildern.

Ich glaube, aus der Schweiz kommend, jetzt besser zu verstehen, was bei uns in Deutschland mit dem Autofahren im argen liegt. In Deutschland versucht man das Problem von außen, aus dem Technischen, mit den Buchstaben von Verordnungen zu lösen. Die Schweiz hat am andern Ende angegriffen. Sie hat es unternommen, der Sache irgendwie über die Seele beizukommen. Das Fundament ist die Gleichberechtigung von vornherein. Die Radfahrer zum Beispiel dürfen nebeneinander die ganze Straßenhälfte einnehmen, der Automobilist muß sie umfahren und kann das nur, wenn die andere Straßenseite frei ist – sonst muß er warten!

An manchen Stellen in der Stadt sind gelbe Richtlinien über den Asphalt gezogen, zwischen denen der Fußgänger das Recht hat, stets ohne auf Altos zu achten, die Straßenseite zu wechseln. Der Kraftwagen muß warten!

Das Hupverbot, das wie ein Wunder der Schweigsamkeit zwischen Kraftwagen und dem übrigen Verkehr den Rhythmus der Stadt gradezu ein wenig verzaubert, ist ein außerordentlich wirksames geistiges Erziehungsmittel zum Aufpassen für beide Teile. Ich habe mir noch gemerkt, daß an den Verkehrsampeln die retardierende Zwischenstufe Gelb fast stets ausgelassen wird.

Die Rechte, die in der Schweizer Bundesrepublik der breiten Masse der Verkehrsteilnehmer zugewiesen sind, bewirken, daß sich das natürliche Gefühl für das Recht gut genährt sieht, und die nicht motorisierten Straßenbenutzer haben keinen Appetit auf die Reizbarkeit, deren Äußerungen in der deutschen Bundesrepublik den Charakter der Beziehungen zwischen Fußgängern, Radfahrern und Autobesitzern mit dem Anschein einer Naturgemeinschaft ausstatten.

Ja, in der Schweiz verzichten die vorberechtigten Verkehrsgruppen fallweise freiwillig auf die ihnen verliehenen Vorteile, und sie verzichten zugunsten der Vernunft, da bei einem Zusammenstoß das Auto doch Recht gegen die Knochen behielte. Sie verzichten aber vor allem, eben weil das Bewußtsein des Rechtsbesitzes gewahrt ist. So hat das psychologische Wesen, das die Verkehrsbehörde in ihren Maßregeln bestimmte, sich bewährt. Die verschiedenen Gruppen der Verkehrsteilnehmer stellen sich mit aller Freundlichkeit und Rücksicht aufeinander ein, selbstverständlich auch die Kraftfahrer unter sich.