Es muß etwas geschehen, damit etwas geschieht, pflegten die Österreicher zu sagen. Und genau dies scheint der etwas ratlose Wahlspruch der diesjährigen UNO-Vollversammlung zu sein. Auf beiden Seiten wird fieberhaft gerüstet. Eisenhower zählt die Divisionen und bemüht sich, die Waffenhilfe Amerikas für die europäischen Länder zu beschleunigen, und Beria, der mächtigste Mann in der Sowjetunion, hat soeben mitgeteilt, daß es gelungen sei, die Stahlproduktion Zu erhöhen und neue Ölquellen zu erschließen, also die Möglichkeiten für die sowjetische Aufrüstung zu verbessern. Jetzt aber, in Paris, überbieten beide Seiten sich mit Abrüstungsangeboten, so, als sei Abrüstung der sicherste Weg zum Frieden, während man bisher doch offenbar der Meinung war, die sicherste Methode, den Krieg Zu verhindern, sei die Aufrüstung.

So wie die Dinge liegen, kann eben einstweilen die Alternative gar nicht lauten: Krieg oder Frieden, denn Frieden setzt voraus, daß die Beteiligten bereit sind, ohne Ansprüche gegeneinander und ohne Furcht voreinander neben oder miteinander zu leben. Gerade dies aber ist nicht der Fall. Heute nicht, und es würde auch morgen nicht sein, sofern man lediglich den Rüstungsstand paritätisch herabsetzt und sich sonst nichts ändert. Wenn es also zunächst hoffnungslos erscheint, einen wirklichen Friedenszustand herbeizuführen, andererseits aber die Gefahr eines wirklichen Krieges, also des dritten Weltkrieges, nicht im Vordergrund steht, weil für beide Seiten das Risiko größer ist als die Chancen, so muß man sich eben darauf beschränken, die Gefahren, die in dem gegenwärtigen friedlosen Zustand stecken, zu begrenzen. In jenem Zustand des kalten Krieges, der von Prag bis Peking, Europa und Asien zum Verhängnis wurde und der dem Kreml ohne Aufwand und ohne Verluste per Saldo mehr eingebracht hat, als dies selbst ein siegreicher Blitze krieg vermocht hätte.

Dieser für Moskau ideale Zustand hat solange gewährt, wie der Westen schwach und handlungsunfähig war. Seit der Westen in großem Stil aufrüstet, in Korea zum Kampf antrat, und sich im Atlantikpakt zur gemeinsamen Verteidigung zusammenschloß, funktioniert die bewährte sowjetische Methode nicht mehr. Darum ist der Kreml heute krampfhaft bemüht, die schwächsten Partner aus der gemeinsamen Abwehrfront des Westens herauszubrechen: Norwegen wird seit Wochen eingeschüchtert, Frankreich abwechselnd mit drohenden und werbenden Noten bedacht, und der Türkei ist mitgeteilt worden, daß man ihren Beitritt zum Atlantikpakt als feindliche Handlung betrachtet. Der Pariser Friedensvorschlag Wyschinskis dient dem gleichen Zweck. Er beginnt mit dem Ansinnen, die Vollversammlung solle erklären, daß die Mitgliedschaft im Atlantikpakt unvereinbar sei mit der Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen.

Die Hoffnung, den Sowjets sei vielleicht doch an einem wirklichen Frieden gelegen, war noch einmal in diesem Sommer geweckt worden, als Malik in einer großen Rede den Wunsch seiner Regierung durchblicken ließ, über einen Waffenstillstand in Korea zu verhandeln. In den fünf Monaten, die seither vergangen sind, ist diese Hoffnung bitter enttäuscht worden. Wenn es Moskau wirklich auf einen Ausgleich und nicht nur auf die Durchsetzung seiner eigenen Pläne ankäme, dann wäre auch die Reaktion Wyschinskis auf das Friedensangebot Trumans nicht so zornig ablehnend gewesen. Natürlich hat es ihn verbittert, daß Truman ihm sozusagen den Donner gestohlen hatte, ihn nämlich um das Vorrecht der Sowjetunion, Friedensreden zu schwingen, gebracht hat, aber schließlich hätte er wenigstens einen prüfenden Blick auf den westlichen Friedensplan werfen können.

Der Hauptunterschied zwischen dem östlichen und dem westlichen Plan liegt bezeichnenderweise darin, daß der östliche zwar ein Verbot der Atomwaffenproduktion fordert, abgesehen davon aber nur in Umrissen eine Weltabrüstungskonferenz – also eine Plattform für weitere Reden – vorsieht, während der westliche Plan sehr viel mehr ins einzelne geht. Inzwischen sind beide Pläne auf die Tagesordnung gesetzt worden, beide sollen also diskutiert werden. Geschieht dies nur pro forma? Steht vielleicht im Grunde schon heute fest, daß doch weiter gerüstet wird? Oder hängt tatsächlich alles von den kommenden Verhandlungen ab, mögen es nun UNO-Diskussionen, Viererbesprechungen oder was immer sein?

Man wird wahrscheinlich sagen müssen, daß die Frage, ob auf- oder abgerüstet wird, nicht von Verhandlungen abhängt, sondern von der grundsätzlichen Beurteilung der Situation durch die beiden Partner. Für Sowjetrußland sieht dabei die Lage folgendermaßen aus: Man kann sich streiten, ob hinsichtlich des militärischen Gewichtes die Waagschalen zwischen Ost und West sich gerade equilibrieren oder ob der Westen bereits ein leises Übergewicht hat, feststeht aber, daß bei einem weiteren Rüstungswettlauf die Sowjetunion ins Hintertreffen geraten muß. Selbst wenn sie ohne Schwierigkeiten die Last der Rüstung auf den Lebensstandard der Bevölkerung abfedert, kann sie hinsichtlich der Produktionskapazität einfach nicht Schritt halten. Sie kann daher nur auf die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Westens spekulieren, übrigens eine naheliegende Annahme, wenn man sich erinnert, eine wie große Rolle die ökonomischen Krisen des kapitalistischen Systems in der Marxschen Theorie spielen. Es bleibt jedoch die Frage, wann werden die Schwierigkeiten nach Meinung Moskaus am größten sein: wenn weiter gerüstet wird und in sämtlichen westeuropäischen Ländern der sinkende Lebensstandard schließlich die kommunistische Infiltration erleichtert oder wenn man mit großem Einsatz auf Frieden spielt? Das heißt, wenn die UdSSR dem Westen namhafte Konzessionen macht, ihn dadurch zur Einstellung der Rüstung zwingt und die USA in ganz neue wirtschaftliche Probleme verwickelt wird: Umstellung von Kriegs- auf Friedensproduktion, sinkende Unternehmergewinne, Absatzstockungen und was sonst die marxistische Doktrin voraussagt. Das sowjetrussische Vorgehen wird also nicht bestimmt sein durch zufällige Verhandlungsergebnisse, die nur zur Ablenkung und zum Zeitgewinn dienen, sondern durch ganz grundsätzliche, theoretische Erwägungen.

Auch die Beschlüsse des Westens sind in erster Linie nicht von Verhandlungen abhängig, sondern von Erfahrungen. Es hat sich deutlich gezeigt, daß die Gefahren des permanenten kalten Krieges nur durch klare Machtüberlegenheit gebannt werden können.Solange Ost und West gleich stark sind, ist der Vorteil eines totalitären skrupellosen Systems allzu deutlich. Die einzigeEinsicht, deren der Kreml fähig ist, ist die, der Macht zu weichen. Das bedeutet natürlich nicht, daß jedes Gespräch grundsätzlich sinnlos wäre. Es gibt im Detail durchaus Möglichkeiten für politische Verhandlungen, grundsätzlich aber wird wohl nichts anderes übrigbleiben, als den eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen. Das heißt weiterrüsten, sich enger zusammenschließen und sich der wirtschaftlichen Gefahren bevußt sein, die dieser Entschluß mit sich bringt. Es gibt aber keine Möglichkeit, ohne Opfer und ohne Risiko Sicherheit zu erlangen.

Marion Gräfin Dönhoff