Die wirtschaftlichen Ergebnisse für das Saargebiet: Franc-Inflation läßt keine stetige Entwicklung zu

Robert Müller kommt in seinem Buch „Le Rattachement Economique de la Saire à la France“ (Paris 1950, S. 128) zu der Feststellung: „Wer wirtschaftlichen Anschluß sagt, sagt Ungleichheit zwischen den Partnern. Diese Ungleichheit ist unvermeidlich zwischen einem starken und einem schwachen Staat.“ Aber selbst wenn dem nicht so wäre, wenn das Saargebiet wirtschaftlich von Frankreich weniger kolonial behandelt würde, wenn es sich bei dem Anschluß der Saar an Frankreich um eine echte wirtschaftliche Partnerschaft handelte: auch dann müßte die französisch-saarländische „Vernunftsehe“, die am 15. November 1947 geschlossen wurde, an ihrem 4. Jahrestag auf ihre Vernünftigkeit hin neu untersucht werden.

Das Problem der Demontagen, das 1947 die Politik der saarländischen Parteien maßgeblich bestimmte, existiert nicht mehr. Aber die Befürworter des wirtschaftlichen Anschlusses der Saar an Frankreich waren klug genug, ihre Politik besser zu untermauern, als mit Argumenten, die zwar für eine gewisse Zeit von schwerwiegender Bedeutung, für die Zukunft aber nicht mehr existent sein würden. Sie besannen sich also auf die Wirtschaftseinheit, die Lothringen und das Saarbecken jahrzehntelang gebildet hatten. Sie besannen sich darauf, daß Lothringen die natürliche Erzbasis der saarländischen Hüttenindustrie ist, und daß Lothringen auch die Ernährungsbasis des dicht besiedelten Saar-Gebietes abgibt.

Sie übersahen dabei, daß das lothringische und saarländische Nachbargebiet auf Grund gleichartiger Wirtschaftsstruktur in normalen Zeiten notwendig Konkurrenten sind. Sie übersahen, daß die Richtung der saarländischen Absatzinteressen in der Hauptsache immer nach Süddeutschland gingen. Sie übersahen, daß die Saarwirtschaft allein zwischen 1925 und 1934 ruid 700 Mill. RM Aktivsaldo aus dem Güteraustausch mit dem Reichsgebiet und ein Passivsaldo von 400 bis 500 Mill. RM aus dem Handel mit Frankreich gezogen hatte, daß also in normalen Zeiten die Überschüsse aus dem Deutschland-Handel die notwendigen Einfuhren aus Frankreich finanzieren müssen. Sie übersahen auch, daß der Saarländer, wenn er die Möglichkeit hat, zu nur annähernd gleichen Bedingungen in Deutschland und in Frankreich einzukaufen, stets der deutschen Ware den Vorzug geben wird. Sie übersahen dies alles, weil es 1947 noch nicht wieder akut war, und weil es ihnen nicht auf ein ernstes und objektives Studium der wirtschaftlichen Verflechtungen ankam, sondern lediglich auf die Beweisführung für eine von Frankreich festgelegte politische These.

Als dann im ersten Halbjahr 1950 die Nachkriegskonjunktur, in deren Blüte die französischsaarländische Vernunftsehe geschlossen wurde, zu Ende ging, gewannen die alten Wirtschaftsrealitäten wieder entscheidenden Einfluß. Trotz Feierschichten und Fehlschichten, die bis zu 24 v. H. aller unter Tage verfahrenen Schichten anstiegen, türmte sich die Saarkohle mit 600 000 t auf den Halden. Bei der eisenschaffenden Industrie war die Entwicklung nicht weniger ernst. Auf Grund der lothringischen Konkurrenz waren fünf Jahre nach dem Kriege von den 1938 arbeitenden 26 Hochöfen erst 16 wieder in Betrieb. Es stellte sich heraus, daß der normale Bedarf im französisch-saarländischen Wirtschaftsraum angesichts der großen und noch im Wachsen begriffenen Produktionskapazität der lothringischen und nordfranzösischen Hüttenwerke nur einen Teil der Stahlproduktion beanspruchte. So sank die Zahl der ohnedies nur teilweise in Betrieb befindlichen saarländischen Hochöfen im zweiten Quartal 1950 auf 14.

Schon war der Tag abzusehen, da der Druck der normalen wirtschaftlichen Realität es den Politikern leicht machen würde, in der Saarfrage vernünftig zu sein. Da setzte die Korea-Krise und damit eine neue Rüstungskonjunktur ein. Die saarländischen Kohlebestände schmolzen dahin. Die Zahl der in Betrieb befindlichen Hochöfen erhöhte sich auf 22. Stalin hatte Johannes Hoffmann gerettet. Es war eine Rettung, die ihn nur noch in größere Schwierigkeiten stoßen sollte. Der Lebenshaltungsindex an der Saar stieg nach Angabe des Statistischen Amtes des Saarlandes von 100 (Januar 1948) auf 157,1 (Oktober 1951). Allein von Beginn des Koreakrieges bis einschließlich Oktober 1951 beträgt die Steigerung der Lebenshaltungskosten an der Saar 36,5 v. H. Das hat dazu geführt, daß Lebensmittel, Schuhe, Bekleidung, Gebrauchsgegenstände und Maschinen heute, in Westdeutschland, ganz abgesehen von der durchweg besseren Qualität, wesentlich billiger sind als an der Saar. Die unter Mitwirkung des saarländischen Wirtschafts- und Finanzministeriums herausgegebene Zeitschrift „Saar-Wirtschaft“ schreibt in ihrer November-Nummer unter der Überschrift „Ist eine Stabilisierung möglich?“ folgendes: „Tatsache ist, daß der Binnenwert der französischen Währung in den letzten Monaten um 10 bis 15 v. H. abgesunken ist, und daß eine Abwertung im Bereich der Möglichkeiten liegt.“ Das Gespenst der Inflation, aus realen und psychologischen Tatbeständen angetrieben, geht an der Saar um. Die deutsche Bevölkerung dieses Gebietes sieht mit Schrecken, daß der „Sieger“ Frankreich die im Gefolge der Rüstungskonjunktur auftretenden inflationistischen Tendenzen nicht ebenso zu bewältigen verstand, wie das besiegte Deutschland. An der Schwelle des fünften Jahres seiner Vernunftsehe mit Frankreich, einer Sache, bei der er nie mit dem Herzen war, offenbart sich dem Saarländer, wie schon vor Beginn der Koreakonjunktur, wieder die ganze Unsicherheit seines ihm aufgezwungenen Partners. Georg Schneider