Von Eberhard P. Michalek

Der Kamera bietet die Wirklichkeit Bild und Gesicht, dem Mikrophon aber Geräusch und Stimme. Dieser Satz klingt ebenso trivial, wie seine Anwendung schwierig scheint; der Funk jedenfalls hat bisher weder die Erfordernisse seiner reinen Akustik hinreichend studiert, noch ihre Möglichkeiten überzeugend genutzt. Der Mangel wird zum Notstand in den Grenzgebieten der „Abteilung Wort“, dort, wo die Hörfolge in die Reportage und das Feuilleton ins Feature übergeht, wo die Wirklichkeit, nicht nur notwendig Thema, sondern auch möglicher „Held“ ist. Die Frage heißt hier: Wie lassen sich Ausschnitte aus der Realität funkgerecht senden?

Die Programme der sieben westdeutschen Radiostationen blieben im Oktober, mit wenigen Ausnahmen, die Antwort schuldig. Zwar suchte der Funk hie und da akustischen Kontakt mit unserer Welt, doch stellte sich zumeist ein Kurzschluß ein; Reporter plus Mikrophon ergibt nicht schon Wirklichkeit. Es sollten sprechen die Länder, die Städte, die Menschen selber – es spricht der betrachtende und schildernde Reporter; als ob an jenen Gegenständen nur etwas zu sehen und nicht auch vieles hörbar zu machen wäre. Man möchte einen modernen Lessing zu Hilfe rufen: Gebt nicht dem Ohr, was des Auges ist. Sendet nicht nur kommentierenden Text, indes das Kommentierte im stillen bleibt,.– fanden sich je Kulturfilme ohne Photographie? Daß diese Quasi-Reportagen gemeinhin unter dem Titel „Hör-Bild“ ertönen, bringt sie zudem unter die Regie einer contradictio in substantivo, dem Unsinn der Wortbedeutung folgt die dramaturgische Unsicherheit.

„Die Reportage“ – so einfach zwar und eindeutig überschreibt der Südwestfunk seine samstäglichen Direktsendungen, und kaum zufällig gelingt es hier, zwischen Berichten auch einige Minuten echtes Leben akustisch zu entdecken, aber langhin sind die untergelegten Geräusche nur Kulisse, die Stimmen bloße Begleitung. Mit dem Aufnahmegerät, dem „tönenden Reisekoffer“, ging es jüngst nach Rabat; die „gefunkten“ Szenen brachten das monotone Rufen der Muezzins, den melodischen Singsang an Arbeitsstätten, das Aufsagen von Suren in einer Koranschule. Komik aus Klassenzimmern Nordafrikas – Steckenbleiben der Schüler, Gepolter des Lehrers – hört sich reizvoll, solche Aufnahmen stehen jedoch noch weit vor dem Problem, wie fremde Kulturen dem Ohr aufzuschließen sind.

Wochenendausflüge in die Realität machen noch keinen Realismus im Funk. Dazu braucht es zweierlei mehr: Verbindlichkeit des Themas und Legitimität der Form. Daß nur eine Bedingung erfüllt wird, genügt nicht; wie sehr beide sich gegenseitig fordern, damit die Wirklichkeit vor dem Mikrophon aussagt, haben die Dokumentar-Features der NWDR-Reporter Rehbein und Rockmann gezeigt. Obwohl auch Inhalte ansprechbar wären, deren Gültigkeit aus dem Lachen kommt, der bessere Anfang wurde in Hamburg mit authentischen Zeugnissen der sozialen Not gemacht. „Schicksale vor Schiefertafeln“ – ein Junge erzählt, wie er die Schule schwänzt, um durch Metallsammeln Geld zu verdienen; elfjährige Mädchen wissen vom Kinobesuch nur eines noch: soviel Tote gab es, und sehr lustig war das; ein anderer Junge berichtet von der Flucht: „Da kamen wir in ein Dorf, da starb meine Schwester an Typhus – – dann kamen wir auf ein Schiff, da starb meine andere Schwester auch an Typhus dann ging das Schiff unter – –“ Wer hinhört, erfährt aus dem Mund der Kinder die Misere der Schulen und der Erziehung, vom Verlust der Eltern und der Heimat, von allem, was altern läßt, die jung sein sollten. Ein Vergleich mit dem „Neorealismus“ des Films sollte indes fernliegen, Dokumentar-Features sind keine Kunst. Vielleicht bieten sie einst den Ansatz dazu, aber noch sind die Rossellini und Zampa des Funks nicht da.

Archibald MacLeish sagt: The ear is already half poet, doch muß die andere Hälfte eben auch von einem Dichter kommen, wenn das Ganze Kunst sein soll. Leider nehmen nur wenige Dichter die Wirklichkeit zum Vorwurf, und noch seltener geschieht es, daß sie es dem Funk zuliebe und zu Maße tun. Stuttgart sendet im Oktober (gleichzeitig mit BBC) Christopher Frys faszinierenden „Traum der Gefangenen“, eine religiöse, daher tröstliche Parallele zu Günther Eichs „Träumen“. Gefangene treten auf, Joe Abel, David King..., erzählen in der Sprache unserer Zeit ihre Kriegsschicksale – das klingt zunächst nach Reportage; ihr Lager ist eine Kirche, ihre Namen sind biblisch, und im Schlaf träumen sie noch einmal ihre Kriegsschicksale, doch jetzt als Abel und David der König und als Abraham..., ihr irdisches Erleben transzendiert und verschränkt sich in den Bereich des Alten Testamentes – dafür kann nur Dichtung die Form geben. Da auch in Frys Stück keine eigentliche Handlung abläuft, nur eigentümliche Perspektiven hörbar werden, läßt es sich fein „poetisches Feature“ nennen; wäre es funkgerecht geschrieben, statt bloß akustisch für hallende Stimmen bearbeitet, so stände es bereits am Ende jener Linie, die dem Realismus im Funk vorgezeichnet ist.

Vorläufig begegnet die Zeit selbst da, wo sie ausdrücklich Thema ist: im Zeitfunk, fast niemals unmittelbar. Auf zehn Berichte über ... fällt vielleicht eine Direktsendung (warum kaum je aus dem Gerichtssaal?), und als „aktuelle Reportage“ von Kinderspielplätzen brachte kürzlich ein Sender nur Fragen an den Gartenbaudirektor. Die Wirklichkeit kommt selten vor das Mikrophon, dann aber gähnt sie oft, wie im Parlamentsfunk, Es gibt zu wenig gute Reporter und zu viele alte Gewohnheiten.