Heinz Risse: So frei von Schuld. Roman (Paul List Verlag, München, 415 S., Lernen 12,80 DM.)

Aber ich fand, daß der ganze Teufelssinn dieses Lebens darin besteht, daß wir immer vorwärts getrieben werden und nie zurückkehren können.“ Die Kugel kommt erst zur Ruhe, wenn sie ihr Ziel erreicht hat, sie verfolgt alle, niemand kann ihr entgehen. Jeder ist allein, vom Leben, gegen das man sich nicht wehren kann, hineingestoßen in eine Art von Schuld, die nicht einmal seine Schuld ist. Dem Weg von der Schuld zur Sühne, dem Weg von der Ursache zur Wirkung kann keiner nachspüren. Nur eine Erkenntnis bleibt: „Gott ist keine Gefahr mehr für den Menschen, es gibt nur noch eine Gefahr für ihn: den Menschen selbst. Die Wissenschaft rächt sich für den sogenannten Sündenfall, für die Vertreibung aus dem Paradies, für die Impfung des menschlichen Gehirns mit dem Geist.“

Über alle Worte hinaus, die der Mensch wie einen Spiegel gebraucht, wuchert ein Urwald der Gefühle und Gedanken, dessen Verschwommenheit und Unklarheit die wahren Bilder verzerrt. Doch hinter dem Undeutlichen verstecken sich die Tatsachen und bestimmen unser Dasein. Die „große Losgelassenheit“ verbreitet Furcht. Alles, was grenzenlos ist, macht Furcht. Es ist schwer, in Freiheit zu leben, denn wo es Freiheit gibt, da herrscht die Angst. Und nirgends finden wir eine Oase der Stille.

Gott hat die Kraft, den Menschen in Fesseln zu schlagen. Wenn wir jedoch glauben, die Abhängigkeit nicht mehr ertragen zu können, und Gottes Ketten abwerfen, so nehmen wir andere dafür auf. Sooft wir auch versuchen, dem Leid zu entgehen: Ein größeres wird uns begegnen. Je schwerer die Dinge wiegen, die unserem Leben Richtung geben, um so unausweichlicher sind sie, ob wir sie sehen können oder nicht.

Erkenntnis, Zweifel, Hoffnung, Glauben und Erleidenmüssen hat der Dichter Heinz Risse, dessen großartiges Buch „Wenn die Erde bebt“ inzwischen nicht nur in Deutschland ein vielfaches Echo gefunden hat, in seinem jüngsten, noch bedeutenderen Werk „So frei von Schuld“ zu einer eindringlichen Romanhandlung zusammengeballt. Der Mehrbödigkeit der Gedankenwelt steht der ineinander und übereinander, sich breitende, stofflich bunte und interessant geknüpfte Lebensweg Alexander Boethins gegenüber. In dem zwar außergewöhnlichen und dennoch durch seine Mittelmäßigkeit bestimmten Schicksal eines Schreiners erfüllen sich die Stationen des Menschen an sich. Der Ring schließt sich, als der in seiner Jugend unschuldig Verurteilte am Ende seines Lebens, getrieben von der Niedertracht und dem Haß seiner Umwelt gegen die Güte überhaupt, den Gegner erschießt und so die Tat begeht, um derentwillen er einst unschuldig verurteilt wurde. Die Kugel ruht. Die Macht des Bösen wird wachsen, wenn man nicht „Gott überreden kann, das Gute zu tun. Und man muß bei sich selbst anfangen.“ Ingeborg Hartmann