Geht der Omnibus Nr. 42 von dieser Haltestelle?.“ – „Nein, Omnibus Nr. 55.“ – „Wie geht es Esther?“ – „Sie ist nach Malmö abgereist.“ Dieses scheinbar harmlose Frage- und Antwortspiel zwischen zwei Männern auf irgendeiner Straße Stockholms enthält den Schlüssel zu einem Geheimcode der sowjetischen Spionage, Einer der Männer, die sich dieses Codes bedienten, war der offizielle Leiter des TASS-Büros in Stockholm, Anissimow, der inzwischen – wieder bei seinem ihm befreundeten Chef Berta in Moskau weilt; der andere war der schwedische Marineingenieur Hilding Andersson, der heute vor den Schranken eines schwedischen Gerichts steht. Das Verfahren gegen Andersson, das fast immer hinter verschlossenen Türen geführt wird, hat einen Fall aufgerollt, gegen den der spannendste Kriminalroman verblaßt.

Hilding Andersson begann 1927 achtzehnjährig aktiv für die Kommunisten zu arbeiten. Etwa zur gleichen Zeit trat er in die schwedische Marine ein und wurde infolge seiner Tüchtigkeit bald befördert. Mit seinem Avancement wuchs sein Nutzen für die Kommunisten. Bald forderte ihn der Rote Geheimdienst auf, aus der Partei auszutreten, damit er sich ganz und gar der Spionage widmen könne. Der TASS-Korrespondent Anissimow war es, der ihn bei russischem Kaviar, sibirischem Lachs und Wodka mit seinen Aufgaben vertraut machte.

Andersson übermittelte den Sowjets einen bis ins Detail festgelegten Plan über die Zusammensetzung der schwedischen Küstenflotte, über die in Vorbereitung befindlichen Umbaupläne und über Küstenbatterien und Marine-Depots. Er entwarf einen Angriffsplan auf Karlskrona und verriet in einer ausführlichen Darstellung das gesamte nordschwedische Verteidigungssystem. Gelegentlich eines britischen Flottenbesuchs in Karlskrona in diesem September, gelang es ihm schließlich, nach mehreren Gesprächen mit britischen Seeleuten, auch militärische Einzelheiten über die Royal Navy zu erfahren. Aber dieser Bericht erreichte seine Auftraggeber nicht mehr. Die schwedische Polizei, auf deren Drängen der TASS-Korrespondent Anissimow bereits von Moskau zurückberufen worden war, folgte Andersson dicht auf den Fersen. Und als er sein Fahrrad mit dem Bericht in der Satteltasche in einem Stockholmer Vorort an verabredeter Stelle abstellte, erschien diesmal nicht wie sonst der sowjetische Legationssekretär Orlow, der Nachfolger Anissimows, sondern ein schwedischer Kriminalbeamter. Orlow wurde auf Bitte des schwedischen Außenministeriums nach Moskau zurückgerufen. Andersson aber erwartet das Urteil, das vermutlich „lebenslänglich“ lauten wird.

Man darf sicher sein, daß nicht nur Schweden seinen Andersson hat. Aber noch etwas anderes hat das Beispiel des Marineingenieurs bewiesen: Der neue Typ des sowjetischen Spions hat mit dem Agenten früherer Zeiten nichts mehr zu tun. „Ich habe getan, was ich für richtig hielt“, sagt Andersson, „und ich habe mit denen zusammengearbeitet, die so denken wie ich, ganz egal wie sie. sich nennen und wo sie wohnen.“ Menschen wie Andersson dienen nicht ihrem Vaterland, und nicht ihrem Vorteil, sondern einer Ideologie. Ihrer politischen Religion opfern sie alle nationalen Gefühle und materiellen Chancen. Ihr Charakter ist nach den Worten des englischen Sachverständigen für Psychatrie, Dr. Glover, pervers, unberechenbar, und im tiefsten antisozial. Aber was hilft das. Sie fühlen sich frei von jedem Schuldgefühl, sie fühlen sich jenseits von Recht und Unrecht.

Engdahl-Thygesen